Mutabor!

Nimm:


11 Karat der Muttermilch einer blonden Eselin
gekocht mit 7 Quent vom Honigtau
und 17 geschälten Samen des Prunus dulcis.
Dazu gib
1 Skrupel Canehl
3 Körner Piper nigrum
3 gedörrte Früchte der Phoenix dactylifera
1 Skrupel vom Rhizom des Zingibers
1 Handvoll Blätter der Gallica
2 Skrupel Pignole
Koche kurz ab und lass es wallen 2 und halb Striche der Kerzenuhr
Und vergiss nicht die Initiation des Elixiers:
Enbiete es in güldenem Kelch dem bleichen Vollmond des Engelmonats

 


MUTABOR!

 

Yrmell hatte alle Zutaten exakt gewogen und verarbeitet. Noch immer wusste sie nicht, ob sie den Zauber initiieren sollte. Ihr Lehrmeister hatte sie damals gewarnt. Dieser Zauber barg eine ungeheure Gefahr: Da er so reizvoll war, konnte man versucht sein, ihn um seiner selbst willen zu nutzen. Das wollte sie aber nicht. Sie wollte nur Claris hegen und ihr ermöglichen, ein Alter zu erreichen, in der sie ohne Hüterin leben konnte.



Claris war ein Findling. Yrmell hatte das Mädchen eines Tages am Fuße eines Abhanges gefunden. Ursprünglich war sie in edles Leinen gewickelt, aber das war wohl bei der wilden Rutschpartie abwärts zerstört worden. Claris lag da, nackt und übersät von Schrammen und Wunden – ein ungewünschtes Kind, von der Mutter verstoßen. Von dem Tuch gab es nurmehr Fetzen. Gott hatte dem Kind die Augen gelassen, und sie hatte es aufgehoben und mitgenommen. Nun war Claris schon fast 37 Monde, und die alte Zauberin wusste, sie hatte nur noch diese drei Tage bis zum vollen Mond, um sich zu entscheiden. Beim nächsten Herbstmond würde die Kleine Fragen stellen, wie aus der alten Yrmell eine Maid geworden sei.



Was also blieb?



Sie reinigte und polierte den güldenen Kelch, den sie der Kirche „entliehen“ hatte. Der neue, junge Priester hatte den Bestand noch nicht aufgenommen, und so würde er nichts bemerken.


Als sie den Zaubertrank in dieser bedeutungsvollen Nacht hinaustrug, um ihn unter der alten Eiche zu platzieren, war sie immer noch nicht sicher, das Richtige zu tun. Zum Sonnenaufgang aber ging sie hinaus und trank. Danach stieg sie nackend in die Quelle, nahm den Kelch, spülte ihn aus und wusch sich von Kopf bis Fuß. Zuhause schnürte sie ihr Gewand mit einer Schürze um ihre nun schlanke Taille und flocht ihr rabenschwarzes Haar. Dann brachte sie den Kelch zurück.



Yrmell verneigte sich vor dem Altar, hauchte auf den Goldkelch und polierte ihn mit ihrem Kleid, dann stellte sie ihn ehrfürchtig vor das Kruzifix.
„Hab Dank“, murmelte sie. Sie war Gott zu Dank verpflichtet.
„Wer seid ihr, schöne Maid?“, ertönte hinter ihr eine sanfte, dunkle Männerstimme. „Vergebt mir, aber ich kenne noch nicht alle meine Schäfchen aus dem Dorf.“


Yrmell drehte sich um. Die tiefen, braunen Augen des jungen Paters strahlten sie an. Sie hatte die „unwiderstehliche Anziehung“ des Trankes bisher für eine Mär gehalten.


„Ich bin nicht aus dem Dorf.“, antwortete sie leise. „Ich kam, um meiner Muhme Yrmell zu helfen, aber ich kam zu spät. Sie ist letzte Woche verstorben, und so werde ich nun bleiben und für die kleine Claris sorgen.“ Das würde ihre offizielle Geschichte sein. Sie war es zufrieden.



Der Priester legte ihr den Arm um die Taille und führte sie zur Kirchentüre. „Wollt ihr das Morgenmahl mit mir teilen, schöne …?“
„Engelin, und - herzlich gern.“ Ein Mann der Kirche – und so verlockend. Er konnte ihr nützen, in mehr als einer Hinsicht.


Eng an ihn geschmiegt, folgte sie ihm zu seiner Wohnstatt. Die Wärme ihres Leibes war ihr lange nicht mehr bewusst gewesen, und nun verstand sie auch die Verlockung dieses Zaubers, aber das war nicht ihr Beweggrund gewesen – und so durfte sie diese unerwartete Gabe genießen.



„Kommt, meine Liebe, lasst uns naschen von den Früchten des Herrn!“
Und Engelin lächelte.



© Anna



Der Priester