Schwanensee

 

Sie lag auf dem großen Rundbett und sah ihm zu, wie er, mit Kopfhörern ausgestattet, an seinem Notebook saß, auf das Display sah und gleitende Bewegungen mit seiner rechten Hand ausführte, als dirigierte er das Orchester vor ihm. Die wenigen Töne, die den Weg zu ihr fanden, klangen nach Tschaikowski. Seine Bewegungen passten dazu. Der Rhythmus zumindest. Er sah bisweilen flüchtig zu ihr, lächelnd, aber seine Augen in erwartender Unruhe.

 

Sein zunehmendes Hin und Her, sein Auf und Ab mündeten in einer wiederholten öffnenden Geste seiner Arme und in ausgestreckten Händen. Sie schüttelte leicht den Kopf, fragte sich, ob sie je einen Dirigenten solche Gesten hatte ausführen sehen. Sie klappte ihre angewinkelten Beine weiter auf, nur um mehr Blickfeld zu gewinnen, nicht aus irgendeinem Anlass. Er zeigte auf sie, nickte kurz, und gab sich wieder der Musik hin. Als hätte sie endlich verstanden.

 

Jetzt dirigierte nur seine rechte Hand, seine Augen waren geschlossen. Er dirigierte nur mit dem rechten Zeigefinger, jeden Takt zupfend, so schien es, als tanze seine Fingerkuppe das ganze Ballett alleine nach. Sie musste lachen, unhörbar für ihn, unsichtbar für sie selbst. Er sah ihr in die Augen, tippte mit seinem Finger in die Luft, als sei da eine imaginäre Bühne und wieder nickte er ihr aufmunternd zu. Sie stellte ihre Füße noch weiter auseinander, klappte die Knie noch weiter nach außen, strich mit dem Zeigefinger tänzelnd zwischen ihren Schenkeln herum.

 

Er verbeugte sich beinahe, aber mit solchem Schwung und so synchron zu seiner Hand, dass es mehr der Musik als ihrer Erkenntnis gelten musste. Mit zwei Fingern schritt er durch die Luft, betrat die Szene.

 

Erster Akt. Die Streicher sind aufgeregt aber gezügelt, die Schwäne gleiten im Kreis,

 

Seine Hand kreiste, ihre synchron. Die Pausen waren sanftes Gleiten, seines durch die Luft, die er durchschnitt und ihres durch den See, der sich ihm darbot. Die frechen Finger, die sich einknickend knieten, und die nicht minder frechen Schwäne, die mit den Köpfen in den See eintauchten, waren nur ein aufregendes Zwischenspiel, ließen sie aber die Lippen öffnen und das Becken heben.

 

Dann wieder dieses sanfte Tippen der Enten und der sie tragenden Schwäne, der mal stärker, dann wieder schwächer tippende Zeigefinger. Das war unfair, das spannte sie auf die Folter. Das sich umeinander Drehen zweier Finger, nein Vögel. Immer schneller, immer inniger, bis sie einen fünffachen Reigen bildeten und einen wilden Kreis formten, der sich ein ums andere Mal um sich selbst drehte und das Wasser aufwirbelte, dass so zart angedeutet den Boden für die Darbietung bot.

 

Den zweiten Akt erlebte sie nicht mehr mehr, weil der erste so bald keiner Fortsetzung bedurfte. Sie rang nach Luft, sah seine Begeisterung für diesen Tanz in seinen Augen und schloss nun endlich ihre, um sich etwas zu beruhigen. Wenn der Schwanensee nach dem ersten Akt endete, hätte er ein Happy End. Aber dann wäre er auch nicht von Tschaikowski. Ihr wäre das egal gewesen. Ihm sowieso. Im Moment zumindest.

 

© Joyce Cunnings