Out of the blue

 

Einen Massagesessel gebraucht zu kaufen war nicht direkt Teil ihrer Vorstellung von einem erfüllten Leben, aber der Preis, zu dem sie das Ding erstanden hatte, war geradezu lächerlich und sie brauchte nur eine halbe Stunde mit dem Auto, um ihn abzuholen.

 

Sie klingelte, ein überraschend junger Mann öffnete, sie sagte „Hi“ und fand sich selbsterklärend. Er lächelte sie an und schwieg.

„Massagesessel?“ Sie sah ihn auffordernd an.

Er grinste breit. Bat sie wortlos herein und fuhr ihren noch ansehnlichen Körper mit den Augen ab. Er lotste sie ins Wohnzimmer, nahm ihr die Jacke ab und bot ihr den Platz auf dem Sessel an. Sie setzte sich, antwortete „Ein Wasser“ auf seine Frage, lehnte sich aber nicht zurück, bis er wieder bei ihr war.

„Das ist der sagenumwobene Sessel. Soll ich ihn erklären?“

Sie nickte. Er war wirklich niedlich und sah sie an, als hätte er Gefallen an ihr gefunden oder irgendwas mit ihr vor, von dem er glaubte, dass es ihr gefallen würde.

Er hielt ihr die Fernbedienung hin, während er einen der Knöpfe drückte. Das Surren war kaum zu hören, das sanfte Vibrieren am Hintern spürte sie allerdings.

„Nett“, dachte sie und meinte das Gefühl.

 

Die Knöpfe, die er drückte, steigerten die Intensität oder veränderten den Rhythmus der Vibrationen.

„Lehn dich zurück.“ Sein Duzen überraschte sie, störte aber nicht wirklich. Sie legte ihren Oberkörper auf die gepolsterte Oberfläche, und der Sessel tat, wofür er seinen Namen erhalten und sie ihn ersteigert hatte.

„Schließ die Augen.“ Sie fand nicht, dass das noch unter „Bedienungsanleitung“ durchging, aber sie schloss sie.

„Nicht erschrecken, ich klappe das Fußteil hoch.“ Sie öffnete die Augen, einfach aus einem Reflex heraus. Seine Stimme war angenehm, fast sanft, also ließ sie zu, dass er das Fußteil hochklappte und sie jetzt lag.

„Notiz an mich selbst“, dachte sie, „ein Rock ist höchstens die zweitbeste Wahl für das Abholen eines Massagesessels.“

Seine Erklärungen waren belanglos, aber seine Stimme klang wie die Entspannung, die ihr gerade durch den Körper strömte. Sie glaubte, dass er nicht einmal halb so alt war wie sie und ein Teil von ihr wünschte sich wieder in ihre Zwanziger zurück.

 

Als er den Riemen ihres rechten Schuhs öffnete, sah sie auf. Kein Reflex, volle Absicht. Das war definitiv keine Erklärung mehr, das war … gemein, weil er sie ansah, als sei sie irgendein Traum! Der Traum, der für ihr Gegenüber gerade wahr wurde und weil seine Lippen ihren kleinen Zeh verschlangen, als wäre er eine Mischung aus verbotener Phantasie und deren süchtig machendem Gegengift.

 

Jeder einzelne Zeh ihres rechten Fußes verschwand zwischen seinen Lippen, während er ihr den linken Schuh auszog. Er hatte vermutlich gerade einen eins a Einblick in ihr Rock-Inneres, sah aber nur zu ihr hoch, in ihre Augen, die wiedergaben, was seine Lippen an ihren Zehen auslösten. Nicht viel, aber auch nicht nichts.

 

Der linke Fuß begann beim großen Zeh, senkte ihren Kopf und schloss ihre Augen. Wo immer das hier hinführen würde, sie war nicht einmal mehr gewiss, sich an das letzte Hinführen zu erinnern, also war alles gut, was sich nach der Zwanzigjährigen anfühlte, die sie mal war und die mal einem Älteren erlaubt hatte, genau das mit ihren Zehen zu machen. Sie war beinahe sicher, worin das damals gemündet war und ihr wäre mehr als recht gewesen, wenn es das heute wieder tun würde. Sie war nicht einmal überrascht, eher amüsiert, dass sie sich gerade fragte, ob er mindestens ein Kondom im Haus hatte. Sie fügte deren Mitnahme ihrer Notiz hinzu und strich das mit dem Rock.

 

Er machte keine Anstalten, die Bemühungen an ihren Füßen weiter Nordwärts zu verlagern, enttäuschte sie aber nicht damit, weil seinen Lippen jetzt die Zunge folgte, die nicht minder bemüht war, ihre Wertschätzung auszudrücken. Sie fragte sich, ob sie ihn würde zwingen müssen, unter ihren Rock zu kriechen oder sich einfach würde ausziehen müssen, damit er den Rest ihres Körpers wahrnahm. Das fühlte sich alles gut an, aber nicht gut genug.

 

Die Selbstverständlichkeit, mit der er vorging, beantwortete ihre ungestellte Frage, warum sie das hier zuließ. Wenn es sich so gut anfühlte, konnte es nur richtig sein. Wenn er sie nur halb so sehr wollte, wie seine Lippen den Anschein machten, machte sie wohl nichts falsch. Und überhaupt hatte sie ihn nicht verführt, eher hatte er sie überrumpelt und sie sich vielleicht ein bisschen überrumpeln lassen. Sie war erwachsen genug, um beurteilen zu können, ob „man so was“ machte oder nicht. Ihr Verstand schüttelte den Kopf, dass sein Heiligenschein ins Trudeln geriet. Ihr Verlangen nickte langsam, aber mit einem Grinsen, das sich auf ihre Lippen übertrug.

 

Er war an ihren Knöcheln angekommen, als sie das erste Mal seufzte, weil sie gedanklich schon viel weiter war. Sie knöpfte längst ihre Bluse auf, nur der Hitze wegen. Auch der BH wich den Temperaturen, keinesfalls ihrer Stimmung. Sie grinste über ihren Selbstbetrug hinweg und wollte ihn schon auffordern, ihr den Rock auszuziehen. Als er es endlich von sich aus machte. Sie sah ihm zu, wie er sich seiner Kleidung entledigte, nahm ihn nicht in die Hand, nicht in den Mund, weil er augenscheinlich nach nichts davon verlangte. Ihr nackter Körper schien aus seiner Sicht im Wesentlichen aus zwei Füßen und einer von da aus guten Aussicht zu bestehen.

 

Seine Hände blieben bei ihren Füßen, während seine Aufmerksamkeit nach oben zu drängen schien. Spätestens als er an ihren Knien angelangt war, war sie in ihrer Erwartung zwischen den Schenkeln. Seine Zunge war ein gefühltes Jahrtausend zu spät am Ziel aber rechtzeitig da, um nicht den ersten aber auch nicht den letzten Tropfen ihrer Aufmunterung aufzunehmen.

„Jetzt zwei saugende Lippen“, dachte sie und gab sich mit zwei Lippen und einer Zunge zufrieden, die nicht saugten, aber ihr gut taten. Ihre Hände lagen auf seinem Kopf, hatten keine Aufgabe aber eine Bedeutung. Sie hätte ihm gerne ihre Beine um den Hals gelegt, aber ihre Füße waren Opfer seiner Hände und machten nicht den Eindruck, da raus zu wollen, geschweige denn zu können.

 

Sie sah zu ihm runter, zog seinen Kopf zwischen ihre Beine und sah an seinen Augen, dass er Gewissheit brauchte.

„Mehr davon! Mehr davon! Mehr davon!“

Seine Hände schlossen sich fester um ihre Füße. Sie zog sein Gesicht fester zwischen ihre Beine.

„Davon!“

Ihre Zehen hatten das Exklusivrecht an seinen Fingern und sie das an seiner Zunge. Ein guter Kompromiss.

„Ich hätte nichts dagegen, den Sessel gegen ein Bett einzutauschen.“ Ihre Direktheit war nötig und überfällig.

Er sah verwirrt oder ertappt zu ihr, hob sie hoch, trug sie in etwas, das mehr wie ein Jugend- als ein Schlafzimmer aussah.

Als er auf ihr lag und in ihr steckte schien er begriffen zu haben, worum es hier im Wesentlichen ging.

 

Er ignorierte die Klingel, die sich zweimal meldete und dann verstummte. Er hatte den Zeitpunkt offen gelassen und geschrieben, sie könne kommen, wann sie wolle, also war sie sicher, ihn von nichts und vor allem niemandem abzuhalten. Sie war fast sicher, dass man sie draußen hören konnte, war aber nicht für die Klingel verantwortlich. Zum Glück. Sie hätte die Tür nackt geöffnet und mit ihm zwischen ihren Beinen, weil er da so schnell nicht wieder raus durfte.

 

Wenn das das verflixte siebte Jahr war, wollte sie auf die sechs dazwischen gerne verzichten. Das war ein Tag nach ihrem Geschmack. Der Jungspund war etwas wortkarg, aber offenbar richtig heiß auf sie. Das beruhte nicht direkt auf Gegenseitigkeit, führte aber zu ein paar sehr angenehmen Momenten. Zu mehreren. Zu einer Menge!

 

Der Massagesessel war vergessen, das Bett war Austragungsort der Verhandlungen darüber, wie lange und wie oft sie hier noch umeinander kreisen würden. Meistens kreiste seine Zunge, weil noch nichts anderes Relevantes an ihm zu kreisen oder zu stoßen vermochte. Sie brachte ihm durch Handführung bei, dass Frauen zwei Brüste mit je einem Aufmerksamkeitszentrum hatten, und er lernte die Lektion erfreulich schnell. Sie lag unter ihm, auf ihm, vor ihm aber nicht hinter ihm, weil es dafür keinen Anlass gab.

 

Sie surfte auf diesem Jungen wie auf einem anbrandenden Ozean, der sich in sie drücken, sie gleichzeitig überschwemmen und aus sich heraus in den Himmel heben wollte. Sie nahm sich vor, sich eine Armee junger Liebhaber zuzulegen, kicherte über die Idee und wurde von seiner Zunge an ihren Lippen am Kichern gehindert, allerdings an den falschen Lippen, wenn es heute falsche gab.

 

Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf, bis sie bemerkte, dass da nichts Mechanisches mehr an seinen Bemühungen war. Sie würde so vielleicht nicht kommen, aber das fühlte und hörte sich an, als sei da jemand richtig heiß auf mindestens einen Teil von ihr. Sie spürte seine Hände, die ihren Hintern umklammerten, sah an sich herunter und fand, dass der Mittzwanziger perfekt zu ihr passte. Ihre Finger glitten durch sein Haar wie durch das dieses frechen Typen damals an der Uni, dessen Mitbewohnerin sie hatte werden wollen und dessen Abendessen sie geworden war und er ihres.

 

Das waren schöne Erinnerungen, die er da aus ihr heraus modellierte. Sie spürte nicht, wie er kam, nur, dass er auf ihr zusammensackte. Sie lagen da und sie hätte so einschlafen wollen, wenn er nicht so schwer und sie zuhause gewesen wäre. Er machte Kaffee, während sie verschwitzt in ihre Klamotten schlüpfte. Sie stand hinter seinem nackten, unaufdringlichen Körper und hielt ihm einen Fünfziger vor die Nase.

„Danke, sehr großzügig, aber nicht nötig.“

„Das war phantastisch, aber die Kohle ist nicht für dich, sondern für den Sessel“, sagte sie grinsend.

 

Er hörte Schritte vor der Tür und lief in sein Zimmer. Die Tür öffnete sich, keine Sekunde nachdem er abgebogen war. Der Mann, der jetzt vor ihr stand, war nicht unattraktiv und in ihrem Alter.

„Hi“, begrüßte er sie. Sie sah ihn fragend an.

„Massagesessel, richtig?“

Sie nickte.

„Hat mein Sohn Ihnen das Teil schon gezeigt?“

Sie nickte zweimal.

„Eigentlich noch völlig in Ordnung, steht hier aber nur ungenutzt rum. Obwohl ich ziemlich sicher bin, dass mein Sohnemann mit seinen Liebschaften auf dem Ding ein paar Sauereien … na, egal.“

Sie dachte an Sauereien, einen Sessel und einen Sohn, der das wohl häufiger machte. Sie grinste, weil sie es nicht verhindern konnte. Der einzige Fünfziger, den sie eingesteckt hatte, war jetzt in Taschengeld übergegangen.

„Tut mir leid, aber ich hab’s mir anders überlegt. Weil ich die einzige Bieterin war, übernehme ich natürlich die Gebühr für die Auktion.“ Sie kramte zwei Euro raus, zu viel, aber jeden Cent wert, weil das Gesicht, das er machte auch zu den Informationen gepasst hätte, die ihm fehlten.

 

Der Sessel war hier mehr als gut aufgehoben und sie sah dem mittlerweile angezogenen Sohn an, dass er erst langsam begriff, warum sie überhaupt hier war, was dieser dämliche Halbsatz „für den Sessel“ bedeutet hatte und was ihr Zwinkern und ihre verstohlen überreichte Telefonnummer bedeuteten.

 

Die Badewanne an diesem Abend war nur lauwarm und nicht dem Wetter geschuldet. Sie streichelte ihre eigenen Brüste, die scheinbar noch geeignet waren, jemanden „von damals“ in Stimmung zu bringen. Sie erhielt eine Nachricht von „Unbekannt“, las sie, schmunzelte und machte ein Bild von sich. Ohne Gesicht, mit Brüsten. Sie kicherte über diese kindische Idee, fügte ihre Anschrift hinzu und schickte die Nachricht ab.

 

Die Antwort kam ohne Bild, dafür mit einer Zeitangabe, die auf öffentliche Verkehrsmittel schließen ließ. Sie lehnte den Kopf zurück, stellte den Sekt ab und grinste von einem Ohr zum andern.

 

Out of the blue

and into the black

They give you this,

but you pay for that

 

Neil Young hatte sie ein halbes Leben lang auf diesen Tag vorbereitet.

Und auf viele weitere.

 

© Joyce Cunnings