Be my Valentine

 

Den Gutschein habe ich schon fast ein halbes Jahr. „Für eine besondere Nummer!“, hatte sie geschrieben, und ich habe ihn ihr, gemeinerweise, am Morgen des Valentinstages auf den Frühstücksteller gelegt, zusammen mit einem riesigen Strauß roter Rosen und einer klitzekleinen Schachtel.

Wir sehen uns nie morgens, denn ich bin längst weg, wenn sie aufsteht, deshalb vergnüge ich mich den ganzen Tag mit der Vorstellung von ihrem Gesicht, wenn sie sieht, dass die Schachtel leer ist – bis auf einen Zettel: SPÄTER! Ich hoffe nur inständig, dass ich nicht übertrieben habe, aber es ist nicht ihre Art sich zu drücken, und so bleibt mir auch die Vorfreude auf diese besondere Nummer.

Was wird sie mit mir tun? Sie kennt mich doch so gut. Sie weiß genau, was und wie ich es liebe. Es wird grandios werden! Genial! Einfach geil! Meine Lust ist schon jetzt unendlich wie das Meer. Die Brandung rollt mit Macht an und schlägt kraftvoll an die Felsen - ich zittere unter diesem Ansturm. Dann wieder beruhigt sich das Wasser, wird trügerisch spiegelnd an der Oberfläche, während tief unten wilde Kräfte tosen und zerren. Ich bin glücklich – denn ich habe einen Schatz an meiner Seite: Sie!

Und dann ist es soweit. Ich fahre nach Hause … und Dunkelheit empfängt mich. Sie ist nicht da! Wie eine Faust schlägt mir Enttäuschung in die Magengrube. Kein sanfter Lichtschein, kein Duft, der lukullische Genüsse verheißt, verzaubert mein Heim. Ich war mir ihrer zu sicher. Erst mit ihr, durch sie, ist mein Haus ein Zuhause.

Das mit dem Gutschein war fies, und ein Zettel in einer Box, in die ein Ring gehört … war auch nicht „comme il faut“, aber dass sie mich deswegen verlässt? Am Valentinstag? Sie doch nicht! Aber vielleicht dachte auch sie: „Er doch nicht!“ Heute früh! Ich bin ein Idiot! Ich habe ihn doch, den Ring! Was mache ich nun? Keine Nachricht auf meinem Handy, nichts!

Was kann ich denn tun? Warten!

Ich gehe hinauf durch das Schlafzimmer ins Ankleidezimmer, ziehe mich aus. Es war ein anstrengender Tag, wenn auch mit süßen Gedanken an sie durchflutet. Nun ist da nichts mehr – wichtig – außer ihr. Sie fehlt mir so sehr, dass es körperlich schmerzt. Ich betrete mein Bad und gehe unter die Dusche. Das heiße Wasser entspannt mich heute nicht. Das könnte nur sie!

Zurück im Schlafzimmer ist das Licht gedämpft. Bin ich auf den Dimmer gekommen? Das Bett ist aufgeschlagen und da liegen bunte Krawatten. Habe ich das vorhin übersehen? Gibt es doch nicht! Auf dem Kissen liegt eine Maske und ein Zettel: „Verbinde deine Augen und zieh die Schlingen zu!“ Sie ist da! Sofort ist die Flut zurück. Erst jetzt sehe ich, dass die Seidenkrawatten an den Bettpfosten befestigt sind. So etwas wollte sie schon mal. Ich sagte ihr: „Nicht mit mir!“ Jetzt steige ich ins Bett und befestige die Schlingen an meinen Fesseln, ziehe sie stramm. Dann kommen die linke Hand und die Maske. Die rechte Hand stecke ich in die Schlinge – und bevor ich mich an die Dunkelheit gewöhnt habe, ist sie zugezogen.

„Liebling, ich …“

Ich bin gefangen! Sie hat mich dazu gebracht, mich auszuliefern! Widerstand regt sich in meiner störrischen Seele. Sie weiß, ich will das nicht, aber ich bin ja selber schuld.

Ein sanftes Kitzeln an meiner Wade irritiert mich. Was ist das? Nicht ihre Hand. Es ist kühl … vielleicht wie eine der Rosen oder einer ihrer Nippel. Sturm leckt an der Innenseite des Schenkels hinauf, peitscht meine Lenden. Der Leuchtturm trotzt der Finsternis. Ein Tsunami kommt auf. Sie ist mein Kapitän! Gemeinsam sind wir stark. Nur gemeinsam können wir leben.

„Heirate mich!“

 

© Anna