Ent-täuschung

Die Gefühle, die auf ihn einstürmten waren chaotisch, und Hannes glaubte, ihm würde gleich der Kopf platzen – oder das Herz.

Er war mit Günther, seinem besten Freund und mit Martin, seinem Sohn im Spaßbad gewesen, als die Bombe einschlug. Hannes hatte ein Eis holen wollen. Als er zurückkam, saßen Martin und Günther auf einer Liege. Er sah beide nur von hinten, aber das genügte. Ihn rührte der Donner. Das war ein Bild! Beide waren sie dunkelmähnig, braunhäutig und schlank, und beide hielten den Kopf auf eine gewisse Art schief …

Vater und Sohn donnerte es in seinem Kopf. Martin war der Sohn seines besten Freundes! Wieso hatte er es nicht bemerkt, obwohl die Ähnlichkeit doch nicht zu übersehen war? Seine Welt war soeben in 1000 Stücke zerbrochen und nachdem er nicht wusste, was er nun tun sollte, stellte er das Eis ab, drehte sich um und floh!

Hannes stieg in seinen Wagen und fuhr los. Er hatte keine Ahnung wohin und so fuhr er auf die Autobahn und bretterte was das Zeug hielt. Erst nach 7 Stunden, als sein Tank leer war, steuerte er eine Raststätte an. Sein Handy zeigte 28 Anrufe. What’s App sah er erst gar nicht an. Er löschte alles, bestellte einen Kaffee mit Cognac und schüttete beides hinunter. Der Kaffee verbrannte seinen Mund, aber der Schmerz tat ihm beinahe wohl.

Martin war 5 Jahre alt, und er liebte ihn von Herzen. Liebte er ihn von Herzen? Er wusste es nicht mehr. Was er wusste, war, dass sich sein Sohn nicht verändert hatte seit heute Morgen. Heute Morgen hatte er ihn geliebt!

Dann dachte er zurück – und es schmerzte.

Vor sechs Jahren waren er und Marlies nahe an einer Scheidung gewesen. Sie wollten ein Kind - unbedingt - und es hatte nicht geklappt. Sie hatten alles versucht, wirklich alles! Es war eine Tortur gewesen. Sex nach Eisprung. Er hatte nur noch zu funktionieren. Sie wollte gar nicht mehr ihn als Mann – nur noch sein Sperma! Sie hatten gestritten und geweint, geflucht und gelitten, und da war es eben passiert.

Sein Freund Günther war zur Kur gewesen, und er hatte dessen Frau „darüber hinweggetröstet“. Sie fühlte sich allein, so wie er – und Marlies hatte die falsche Tür zur falschen Zeit geöffnet. Als Marlies verschwand für drei lange Wochen, und er nicht wusste, ob er sie jemals wiedersehen würde, war er einem Zusammenbruch nahe gewesen.

Aber sie war zurückgekommen. Erst heute fiel ihm auf, dass auch sein Freund zu diesem Zeitpunkt zurückgekommen war.

„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ Er fluchte haltlos vor sich hin.

Ganz offenbar war sie zu Günther gefahren, und die beiden hatten sich gehörig revanchiert. Vielleicht hatten sie sich auch nur gegenseitig getröstet. Gleiches Recht für alle! Aber warum tat das dann so verdammt weh?

Zwei Monate später war klar gewesen, dass seine Frau ein Kind erwartete, und er hatte nicht den Hauch eines Zweifels gehabt, dass Martin sein Sohn war. Er war nur glücklich! Warum hatte er nicht mit ihr gesprochen? Das Erlebte hätte aufgearbeitet werden müssen. Jetzt sah er das ein. Damals war er zu feige gewesen. Er war dankbar, dass sie seinen Fehltritt mit keinem Wort erwähnte, und das - trotz allem - ihre Freunde noch immer ihre Freunde waren. Und nun?

Hatte sich etwas geändert? Er liebte seine Frau und seinen Sohn. Auch seine Freunde wollte er nicht verlieren, aber eins musste er noch wissen. Hannes griff zum Handy und rief sie an.
„Weiß Günther Bescheid?“, fragte er.
„Nein!“
Hannes nickte. Sie wusste, wovon er sprach.
„Gut, dann komme ich jetzt heim. Und … ich liebe euch!“

Als er in sein Auto stieg, lächelte er.

 

© Anna