Resthitze

Endlich Urlaub. Hurra!

Seit vier Jahren konnte ich nicht, durfte ich nicht in den Urlaub fahren. Mein Chef, mein Geld, mein Ex, die gesamte Situation … aber nun! Ich bin tatsächlich weggefahren. Wirklich und wahrhaftig. Ich habe mich durchgesetzt. Oh, er hat mit den Zähnen geknirscht, mein Boss! Immer bei mir schießt er quer! Diesmal ist es mir aber egal. Ich MUSS endlich mal rauskommen, was anderes sehen, und außerdem habe ich sowieso das Gefühl, dass es gar nicht so dringend ist, wie er es bisher immer gemacht hat. Er wird auch ohne mich ausgekommen. Schließlich bin ich nicht die einzige Physiotherapeutin, die er hat.

Also nun bin tatsächlich in Cala Millor auf Mallorca – gerade angekommen. Ich habe mein Gepäck ins Zimmer gestellt und Jacke und Schuhe abgestreift. Hier brauche ich das nicht. Was tue ich nun? Ich weiß es! Das, wovon ich seit Jahren träume. Ich gehe zum Strand. Mein dünnes, blaues Kleidchen ist perfekt dafür, und auch wenn ich zum Abendessen sollte … Sie sagten, ich bekomme noch bis 22 Uhr etwas! Ist mir aber völlig egal. Ich hab keinen Hunger. Ich will Sand und Wasser spüren, die Resthitze des vergangenen Tages! Endlich wieder leben!

Es ist ja nicht weit hinunter zu der Bucht, die ich schon als Kind liebte. Also laufe ich … barfuß. Der Himmel leuchtet im Abendrot, und mir wird mit jedem Schritt leichter ums Herz. Ein paar späte Strandbesucher kommen mir noch entgegen. Sie alle streben den Futtertrögen entgegen. Sollen sie! Ich kann das Meer schon riechen, den heimeligen, kleinen Strand in der versteckten Bucht sehen – und er ist leer! Wie wundervoll! Ich laufe hinab zum Wasser, fühle den warmen Sand zwischen meinen Zehen und bin einfach nur glücklich. Auch das Wasser ist warm. Genau richtig für mich. Es umspielt meine Füße, die Knöchel, die Waden. Ich kann nicht widerstehen. Ich muss jetzt …

Rasch noch ein Rundblick, dann ziehe ich mir das Kleid über den Kopf und lasse es fallen. Das Abendlicht liegt auf meinen bloßen Brüsten. Ich trage nur ein winziges, hellblaues Höschen. Also auf! Genüsslich steige ich in die Fluten, lege mich flach hinein und lasse mich tragen, schaukeln, wiegen … Wie lange hab ich das vermisst! Ich schließe die Augen! Es ist einfach ein Traum! Wie gut! Wie wunderbar gut! Ich vergesse wo ich bin, vergesse die Zeit – ich lebe!

Aller Alltagsstress, aller Kummer fließt aus mir, hinterlässt nur noch pures Glück. Ich genieße – wie lange? Ich habe keine Ahnung. Als ich zu mir komme, ist es schon sehr viel dunkler, aber immer noch nicht kühl. Ich richte mich auf und sehe mich um. Ein Stück weit bin ich abgetrieben. Mein Blick sucht das zurückgelassene Kleid … und findet … Himmel! Da steht ein Mann – genau daneben. Das geht aber gar nicht. Aber mir soll’s recht sein! Der kann mir meine Glückseligkeit nicht verderben, also schwimme ich das Stück zurück, wate dann auf ihn und zu … stutze!

Aber das gibt es jetzt nicht, nein! Das ist doch …? Ich glaub, ich spinne. Vielleicht habe ich doch noch nicht den Urlaubsmodus erreicht. Da steht Walter Kammerer, mein Chef, und seine Blicke sind sehr indiskret. Nicht etwa, dass er wegsehen würde, oh nein! So ein …! Mir wird heiß. Muss ich jetzt wütend sein? Langsam entsteige ich dem Meer. Soll er doch sehen … Aphrodite, die Schaumgeborene!

Seine Blicke streicheln mich, gleiten zärtlich über mein Gesicht, die Schultern, die Bürste, Bauch, Höschen und Schenkel. Und nun? Ich komme näher, aber er rührt sich nicht von der Stelle, streckt mir nur seine Hände entgegen … Seine Augen schillern! Ich … ich mache einen Schritt, noch einen – und dann schmiege ich mich in seine Arme, als würde ich dahin gehören, lasse zu, dass seine Lippen mich berühren, mich küssen. Und ich reagiere wie schon sehr lange nicht mehr auf einen Mann. Mein ganzer Leib steht mit einem Mal in Flammen – und ich küsse zurück. Unsere Münder verschmelzen so wie unsere Körper. Es prickelt von ganz oben bis ganz nach unten. Unglaubliche Gefühle versetzen mich beinahe in Trance. Wann hab ich zuletzt Lust erlebt? Sehnsucht? Verlangen? Wonne? Jetzt und hier überfallen mich all diese wundervollen Gefühle gleichzeitig, und ich will nur noch eins: Ihn!

Mit nassen Fingern nestele ich sein Hemd auf, ziehe es ihm ungeduldig von den Schultern. Dann versuche ich mich an der Gürtelschließe. Schweigend hilft er mit, steigt aus der Hose. Und dann stehen wir voreinander – nackt, bis auf einen Slip an einem öffentlichen Strand! Ich denke nicht mehr, ich liebe! Das Höschen ist kein Hindernis. Rasch ist es entsorgt – und ich lege mich auf unsere Kleider, öffne meine Beine. Walter gibt einen so sehnsuchtsvollen Laut von sich, wie es noch nie gehört habe, dann sinkt er zu mir herab, kommt auf mich, über mich – in mich! Wir gleiten ineinander. So wie mich eben das Meer willkommen hieß, so heiße ich ihn willkommen! Sanft schaukeln wir auf den Wellen der Wollust auf und ab, doch dann kommt Sturm auf. Die Wogen türmen sich auf, treiben uns hinauf in den Himmel, nur um uns sogleich wieder hinabzustoßen in heißeste Höllenglut.

Wundervoll!

„Ich konnte dich nicht gehen lassen!“, stammelt er, „Ich brauche dich doch!“

Seine Haut auf meiner, seine Lippen auf meinen, seine Härte in mir, all das überzeugt mich in Windeseile von der Richtigkeit seiner Worte. Warum war mir bisher nicht klar, wie wichtig er mir ist? „Warum hast du nie …?“ Ich verschränke meine Beine hinter seinem Rücken, halte ihn ganz fest – tief in mir. Unsere Bewegungen werden kleiner – nur noch winzige Stöße, die wie heiße Flammenzungen in mir brennen. „So komm schon!“, stöhne ich, begierig ihn ganz zu verschlingen. Ich packe sein geiles Hinterteil, grabe meine Nägel hinein, drücke ihn tiefer, aber er spreizt sich, hält mich auf Abstand.

Irgendwas stimmt nicht. Ich weiß bloß nicht was. Ich will es aber momentan auch nicht wissen. Ich will genießen, will Wollust, will überschäumen. Ich will jetzt nur noch gefickt werden! „So mach doch schon, bitte Walter! Bitte! Nimm mich jetzt, bitte. Ich hab schon so lange nicht …!“

„Du bist … vergeben!“ Er stöhnt verzweifelt.

Himmel! Er weiß es nicht! „Geschieden! Seit zwei Jahren!“

Wie ein Blitz schlägt das Verstehen in seinen Körper, und dann gibt es kein Halten mehr. Nicht für ihn und nicht für mich. Wir zwei brandmarken die hereingebrochene Nacht mit unserer Lust, stöhnen sie ihr entgegen und verschmelzen zu einem Paar, wo vorher nur zwei einsame Menschenkinder waren.

„Ich liebe dich!“, flüsterte er außer Atem, und plötzlich weiß ich ganz sicher:

Das ist das Glück!

© Anna