Dr. Lier und das Mädchen

Als Dr. Tobias Lier von seinem Stammtisch nach Hause ging, war es schon halb eins durch und er selber ziemlich … illuminiert. Heute war ein schöner, warmer Tag gewesen, aber jetzt war es empfindlich kalt. Oktober eben! Gott sei Dank hatte er es nicht mehr weit. Da vorne war schon seine Apotheke, und darüber wartete seine gemütliche Wohnung. Er suchte seine Schlüssel in der Manteltasche, und als er sie gefunden hatte, sah er es!


Im Eingang zu seiner Apotheke bewegte sich etwas. Im Herbst wehte es da immer Laub hinein und er sorgte dann dafür, dass es verschwand, aber jetzt doch noch nicht. Alle Blätter waren zwar bunt, aber noch fest an den Bäumen. Was also bewegte sich dort im Dunkeln? Ein paar alte Zeitungsblätter vielleicht? - Egal. Er würde es entfernen. Als er aber mit dem Fuß in den vermeintlichen „Müllhaufen“ hineinfuhr, mauzte etwas. Tobias Lier stutze. Hatte sich ein Kätzchen hier hineinverkrochen? Er schaute genauer, was allerdings nichts nützte. Es war zwar eine mondhelle Nacht, aber in der Eingangsnische war es dunkel. Als seine Augen sich an die Finsternis gewöhnt hatten, sah er einen Besenstiel in der Ecke lehnen, an dessen oberes Ende jemand eine Alditüte geknotet hatte. Also das gehörte definitiv keiner Katze!

„Hallo!“, sagte er laut in die Nacht und fuhr nochmal mit dem Fuß unter diesen Wust aus Zeitungsblättern und Stofffetzen. Wieder maunzte es, und aus dem Haufen tauchte der Kopf einer Frau auf, die ihn verschlafen und ängstlich anblickte.

„Wer sind Sie, und was machen Sie hier?“ Das klang sehr laut und sehr verärgert in der Stille, obwohl Dr. Lier eigentlich nur erstaunt und müde war.

Sie antwortete nicht, erhob sich aber, sammelte das gesamte Zeitungspapier zusammen und griff nach ihrem Bündel. „Ich gehe ja schon!“, flüsterte sie resigniert.

Vielleicht war es der hoffnungslose Tonfall, der ihn anrührte, denn er sagte: „Los! Kommen Sie mit! Ich kann Sie doch nicht in dieser Kälte hier erfrieren lassen!“ Als er seinen Schlüssel ins Schloss steckte und realisierte, dass die Fremde ihm folgte, fragte er sich schon, was er da vorhatte, aber nun hatte er es schon mal gesagt. Auf der Treppe spürte er sie hinter sich, und alle möglichen kruden Gedanken schossen ihm durch den Kopf: ,Ob sie ihn ausrauben würde? Niederschlagen vielleicht?‘ Er fand jedoch, dass das wenig wahrscheinlich sei, da er sie ja freiwillig mitgenommen hatte und ihr schließlich auch etwas zu Essen geben wollte, sowie ein Bett für die Nacht!

Als er die Türe geöffnet hatte, trat er zurück und ließ ihr den Vortritt, was sie auch anstandslos zuließ. Offenbar hatte sie Erziehung – zumindest irgendwann einmal gehabt. Tobias trat ein und schloss die Tür, dann sah er sie an. Da stand eine nicht mehr ganz junge Frau, in einem viel zu leichten Kleidchen, das bessere Tage gesehen hatte. Sie war blaugefroren, dünn zum Erbarmen und ihr Haar hing in fettigen Strähnen wirr um ein nicht unhübsches, aber erschöpftes Gesicht.

„Hast du Hunger?“ Ungefragt war er zum Du übergegangen.

Sie nickte.

„Komm erst mal rein. Ich mache dir einen Tee und dann noch ein paar Brote!“ Er ging voran in die Küche, und sie folgte schweigend. „Setz dich!“ Tobias stellte Wasser auf den Herd und bereitete einen Kräutertee zu. Während der zog, stellte er ihr einen großen Becher, einen Teller und ein Glas Honig hin, dann schnitt er Brot ab, öffnete den Kühlschrank und entnahm ihm die Butter. „Wurst oder Käse?“

Die Frau zuckte die Schultern, also stelle er beides hin und legte noch Messer und Gabel bereit. Dann goss er den fertigen Tee in die Tasse, bediente sich auch selber und setzte sich ihr gegenüber. „Greif zu!“, forderte er sie auf und fügte hinzu: „Mein Name ist übrigens Tobias, und wie heißt du?“

„Sophia!“, flüsterte sie, griff nach dem Honigglas und holte sich mit der Messerspitze eine gehörige Portion heraus. Sie rührte die Süßigkeit in den Tee, dann nahm sie die Tasse in beide Hände - wärmte sich dankbar. Sie nippte erleichtert an der heißen Flüssigkeit. Langsam und vorsichtig trank sie in ganz kleinen Schlucken die Tasse leer. „Danke sehr … Tobias!“ Sogar ein kleines Lächeln gelang ihr, als sie ihn ansah.

„Iss!“, forderte er sie auf, und sie gehorchte. Tobias Lier war inzwischen wieder völlig nüchtern geworden und betrachtete neugierig seinen ungewohnten Hausgast. Mit jedem Bissen, der in ihrem Mund verschwand, wurde er sicherer, das Richtige getan zu haben! Ganz offenbar war sie sehr hungrig, trotzdem waren ihre Manieren gut. Sie aß langsam und mit Messer und Gabel. Ab und zu trank sie zwischendurch einige Schlucke von der zweiten Tasse Tee.

,Wie alt sie wohl sein mochte?‘ Das war wirklich schwer zu schätzen, denn die Last eines unseligen Schicksals schien auf ihren Schultern zu ruhen und sie niederzudrücken. Er selber war 51, aber sie erschien ihm mindestens 10, wenn nicht gar 20 Jahre jünger. ‚Was ihr wohl geschehen war, dass sie auf der Straße lebte?‘ Aber nein, er würde nicht fragen - zumindest nicht heute. Sie brauchte Ruhe! Also stand er auf und erklärte: „Du kannst bei mir schlafen!“, und als er sah, wie sie zusammenzuckte, fügte er hinzu: „Bei mir, in meinem Gästezimmer! Hab keine Angst, ich bin nicht die Sorte Mann!“

Als er in sein Schlafzimmer ging, um ihr ein T-Shirt und eine Sporthose zu holen, überlegte er, welche „Sorte Mann“ er denn war – oder eben nicht! Er kam zu keinem Ergebnis, ging aber weiter ins Bad, nahm eine frische Zahnbürste heraus, Duschgel und ein Handtuch und brachte alles in die Küche. Da sie fertig war, bat er sie mitzukommen, zeigte ich das Gästezimmer und das Bad. „Du kannst gerne noch duschen und dann schlaf dich aus, Sophia! Ich lebe hier allein. Du störst also keinen! - Die Tür kannst du übrigens abschließen.“ , fügte er hinzu, dann drehte er sich um, wünschte ihr eine gute Nacht und schloss die Türe hinter sich.

Während er die Küche aufräumte, dachte er an die Zeit, als hier noch seine Frau gelebt hatte. Es war schon so lange her. Sie hatte damals ihr gemeinsames Kind verloren und ihn verlassen, weil er gesagt hatte, sie könnten ja später noch Kinder haben. Hätte er gewusst, dass sie keine mehr bekommen konnte, er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als solch unsensiblen Blödsinn zu erzählen, aber es war zu spät. Eines Tages war sie weg, und sie blieb verschwunden, ganz egal was er anstellte sie zu finden. Nach 15 Jahren hatte er sie für tot erklären lassen, und auch das war nun schon wieder 10 Jahre her. Er war also Witwer – wahrscheinlich – und nun schlief nebenan eine Frau. Das hieß, sie schlief nicht, die duschte, und er fand diese Vorstellung sehr erfreulich!

 

***

 

Am nächsten Morgen erwachte Tobias und war ungewöhnlich guter Dinge. Er war nicht alleine, er hatte einen Gast. Zuerst würde er Frühstück machen, also musste er Brötchen holen. Normalerweise schlüpfte er samstags in seinen Trainingsanzug und begab sich zu seinem Lieblingsbäcker, um Croissants zu holen. Auch heute würde er das tun, aber zwischendurch würde er kurz bei Takko um die Ecke reinschauen. Tobias war zwar noch nie dort gewesen, aber die Töchter seiner Freunde kauften dort regelmäßig „heiße Klamotten für lau“, und er freute sich schon darauf, es ihnen gleich zu tun. Es würde eine neue Erfahrung für ihn werden, und Sophia brauchte etwas zum Anziehen!

Als er den Laden betrat, kam er sich komisch vor und trotzdem: So gut hatte er sich schon lange nicht gefühlt. Die Größe war kein Problem. Sie war so dünn, dass nur „small“ in Frage kam. Auch die Auswahl würde ihm kein Kopfzerbrechen machen. Er wollte sie nicht blamieren, sondern nur helfen, also würde es eine günstige Grundgarderobe werden. Zuerst fand er eine hellblaue, schmale Jeans, zwei T-Shirts in Weiß und einen dunkelblauen Pullover mit einem Skyline-Motiv. Nun brauchte sie aber noch Unterwäsche. Dazu befragte er die Verkäuferin, und sie brachte ihm zwei cremefarbene Bustierhemdchen und passende Slips. Zum Schluss legte er noch eine Auswahl bunter Söckchen in seinen Einkaufskorb. Halt! Ein Sleep-Shirt mit einem Teddybären hing auf seinem Weg zur Kasse, und er fand, es sei genau das Richtige. Viel besser als sein altes T-Shirt. Für die Schuhe würde er sie brauchen, und außerdem gab es hier keine Schuhe. Das konnte noch warten.

Als er mit seinen gesammelten Einkäufen und einer Auswahl Gebäck nach Hause kam, hörte er sie im Bad rumoren. „Guten Morgen, Sophia!“, rief er, und dann hörte er ihre fröhliche Stimme: „Guten Morgen, Tobias! Komm rein!“ Offenbar ging es ihr gut. Er freute sich, dass sie sich wohl fühlte und so öffnete er arglos sein Badezimmer.

„Oh!“, war alles, was er bei diesem Anblick herausbrachte. Sophia saß in der Badewanne und aus dem Haufen Schaum, der sie umgab, ragte ihr ätherischer, bildschöner und vor allem nackter Oberkörper heraus. Tobias starrte ihre Brüste an, als habe er noch nie zuvor eine weibliche Brust gesehen. Sie waren klein, gerademal eine Handvoll, milchweiß und wurden gekrönt von rosaroten Spitzen, die nach oben hin immer dunkler wurden und in dunkelroten Blütenknospen endeten!

„Hilf mir!“, lachte sie und blinzelte.

Erst jetzt sah er, dass sie den ganzen Kopf voll Schaum hatte, der ihr über die Augen lief. „Soll ich …?“, fragte er und griff zum Duschkopf, als sie nickte. Hingebungsvoll spülte er ihr Haar und wickelte es anschließend in ein Handtuch. Als sie aufstand, stutze er. War sie …? Tobias machte Anstalten zu gehen.

„Du kannst ruhig dableiben!“, sagte sie, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt. „Ich bin nicht mehr schüchtern!“

„Aber ich!“, murmelte er im Hinausgehen – und machte Frühstück. Als er ihr die Semmeln hinstellte, fielen ihm seine Einkäufe wieder ein. „Sophia, ich hab da was für dich!“, rief er und öffnete sie Tür, stellte die Tüte auf den Boden und schloss die Tür hinter sich. Als er den Freudenschrei hörte, setzte er sich zu Tisch und trank einen großen Schluck Kaffee. Er schmunzelte. Wie schön, sie hierzuhaben!

Als sie kurz darauf die Küche betrat, blieb ihm die Luft weg. Sie war eine wirklich schöne, junge Frau. Ihr nasses, dunkles Haar fiel ihr lang über die Schultern auf eine elfengleiche Figur. Große, dunkelbraune Augen strahlten ihn aus einem hübschen Gesicht an. Jeans und Pullover passten und standen ihr ausgezeichnet.

„Danke!“ Sophia setzte sich und griff nach einer Semmel. „Du weißt gar nicht, wie gut das tut: Schlafen in einem Bett mit richtigen Kissen und einer Decke. Das Beste, was ich vorher hatte, war ein alter Lattenrost vom Sperrmüll mit alten Stofffetzen gepolstert und Zeitungen zum Zudecken. Und sich waschen können! Wunderbar! Meine Haare haben schon ziemlich gemuffelt!" Sie schnitt die Semmel durch und bestrich sie mit Butter und Honig!

„Wundervoll!“ Sie lächelte glücklich. „Gestern hatte ich nur halbgefrorenen Spinat, den jemand am Supermarkt in den Müll geworfen hatte! Und heute … so ein Festmahl! Ich danke dir Tobias, du bist ein guter Mensch. Ich glaube nicht, dass mich viele Menschen einfach nachts mitgenommen hätten – in ihre Wohnung! Das heißt, ich weiß es: Niemand hat sowas bisher getan! Ich danke dir sehr!“

Zwei Stunden frühstückten sie, dann fragte sie etwas unsicher, ob sie sich nochmal ins Bett legen dürfe. Sie wolle es genießen solange irgend möglich, denn sie wisse ja, dass es irgendwann enden würde. Tobias war betroffen. Er hatte mit keinem Gedanken daran gedacht, sie fortzuschicken Sie tat ihm so leid. Was mochte sie alles durchgemacht haben? „Natürlich kannst du ins Bett gehen und schlafen, aber du darfst hierbleiben, solange du möchtest. Du musst nicht morgen gehen!“

Sophia lächelte wissend. „Danke, dass du das sagst, Tobias, aber ich weiß es besser! Wir … sind nirgendwo lange geduldet.“

Als sie gegen vier Uhr wieder auftauchte, hatte er Kuchen geholt und Kaffee gekocht. Es gefiel ihm, für jemanden sorgen zu können und nicht allein zu sein. Sophia strahlte ihn an, ließ sich nieder und verputzte Kuchen für mindestens drei. Tobias hatte schon den ganzen Tag darüber nachgedacht. Sophia war für ihn ein Geschenk den Himmels. Er wollte nicht, dass sie so bald wieder ging. Und für sie wäre es auch besser zu wissen, wo sie hingehörte – zumindest wo sie schlafen könnte!

„Weißt du …?“, fragte er, „ich hab da mal eine Frage: Würdest du, wenn du könntest, hierbleiben … eine … längere Zeit?“

Sie sah ihn groß an. „Wie … meinst du das? Wie lange könnte ich denn …?“

„Pass mal auf!“ sagte er. „Ich hab mir da was überlegt. Ich gehe jeden Samstagabend zum Essen in die „Goldene Ente“, und da treffen sich all meine Freunde – vielleicht. Es kommt, wer Lust hat, mit oder ohne Familie, und da … nehme ich dich mit. Wir sagen ihnen, du bist Sophia …?“

„Feder!“

„Sophia Feder, eine Cousine meiner Großtante mütterlicherseits aus …?“

„Waldkirch … Waldkirch im Breisgau!“

„Die Cousine aus dem Breisgau. Und damit hast ein legitimes Recht hier zu sein – ganz offiziell und solange du willst.“

„Das willst du tun? Echt?“ Sie sah ihn fassungslos an, dann begann sie schüchtern zu lächeln. „Du bist wirklich ein guter Mensch, Tobias!“

Er lachte. „Na dann komm, los geht’s. Wir müssen dir noch Schuhe kaufen!“

Sophia sprang auf und fiel ihm um den Hals. „Ich weiß zwar nicht warum, aber ich vertraue dir!“, flüsterte sie und küsste scheu seine Wange - und Tobias war einfach nur glücklich!

Zusammen wanderten sie durch die Fußgängerzone. Dr. Lier wurde von etlichen Leuten gegrüßt, und er grüßte zurück, ließ sie aber nicht von seinem Arm. Als sie bei einer Deichmann-Filiale ankamen fragte sie nochmal: „Du willst das wirklich?“ Aber er zog sie nur stumm hinein, und kaufte ihr zwei Paar Sneakers – in Weiß und in Dunkelblau!

Abends gingen sie gemeinsam in die „Goldene Ente“ und seine Freunde waren sehr charmant, beneideten ihn aber ziemlich offen um seine „junge Cousine“.

Auf dem Heimweg kicherte er wie ein Pennäler. „Hast du gesehen, wie sie sich beinahe überschlagen hätten? Und Sebastian fragte mich, ob du nicht mindestens 20 Jahre jünger seist als ich! Sie halten dich für meine Geliebte! - Wie alt bist du eigentlich?“

Sophia schmunzelte. „Ich bin 35, und wenn du willst … auch deine Geliebte!“

Tobias wurde sofort todernst. „Nein! Bestimmt nicht! Nicht so, Sophia, nicht so!“

Der Rest des Heimwegs und des Abends verlief schweigend. Eigentlich hatte er noch vorgehabt eine Flasche Wein zu köpfen, aber das würde er nun nicht tun. Er wollte, dass sie wusste, dass er sie respektierte. Nein, er würde die Situation nicht ausnutzen. Er nicht!

 

***



Als Tobias am Sonntagmorgen vom Semmelholen nach Hause kam, hörte er sie im Bad.

„Komm rein, Tobias!“

Sollte er das wirklich? Er erinnerte sich nur zu gut ihrer bloßen Brüste, und er war auch ein Mann. Außerdem … „wenn du willst … auch deine Geliebte!“ Aber sie war so hübsch gewesen – mit all diesem Schaum auf dem Kopf und ihrer glänzenden, nackten Haut, also öffnete er die Tür. Da stand sie, die Schaumgeborene, und rasierte sich! Nackt und so aufregend schön – und … schwanger! Nicht sehr, aber doch deutlich genug!

„Sag mal, Sophia, bekommst du ein Baby?“

Sie nickte und setzte sich. „Setz dich zu mir, dann erzähle ich dir …“

Tobias holte sich einen Stuhl und setzte sich an den Wannenrand. „Wer ist der Vater, und weiß er davon?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich … ich weiß es nicht!“

„Du weißt nicht, ob er es weiß?“

„Nein, ich weiß nicht, wer der Vater ist. Ich weiß nur: Er ist Trucker!“

In seinem Kopf wirbelten alle möglichen schrecklichen Bilder durcheinander. Wieso wusste sie nicht, wer der Vater war? War sie vergewaltigt worden?

Sophia sah ihm an, was er dachte. „Nein, ich bin nicht vergewaltigt worden – nicht richtig. Bitte bring mir einen Kaffee, dann …“

Tobias stand auf, ging in die Küche und kochte Kaffee. Er war froh, etwas zu tun zu haben. Er richtete das Frühstück auf ein Tablett und wappnete sich gegen eine … Katastrophe.

Sie saß bis zum Hals im Schaum, als er ihr den Kaffee servierte.

„Erzähl!“

„Ich war in Spanien … zwei Jahre lang, und dann, im Juli, habe ich beschlossen heimzufahren. Kurz vor der französischen Grenze nahm mich ein Trucker mit … Babo Pablo. Er war sehr nett, und er versprach, mich mit nach Düsseldorf zu nehmen, aber dann bei Euskirchen meinte er: „Süße, da, wo ich jetzt hinfahre, kann ich dich nicht mitnehmen. Dieser „Parkplatz“ ist nichts für dich!“ Ich fragte ihn warum, und er meinte, da träfen sich die Trucker nur zu einem Zweck – zum Vögeln – und wenn ich mitkäme, dann wäre ich … Beute. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte die letzten Tage mit ihm verbracht, und ich mochte ihn. Ich wollte ihn nicht verlassen!

Babo wehrte sich mit Händen und Füßen, aber ich kann so stur sein, und … ich glaubte nicht, dass es so gefährlich sein könnte. Irgendwann meinte er, er könnte mich vielleicht beschützen, WENN niemand mich zu sehen bekäme. Um kurz vor elf waren wir da, und er befahl mir in der Kabine zu bleiben und zu schlafen. Das tat ich dann, aber um fünf Uhr früh musste ich mal, … und ich stieg aus. Das war nicht gut. Gar nicht gut! Innerhalb einer Minute standen etwa 12 Kerle um mich rum, denen der Geifer schon aus den Mundwinkeln troff, und wenn Babo nicht gekommen wäre …

Einen Moment lang sah es aus, als wollten sie ihn erschlagen, aber er hatte sie im Griff. Na ja, beinahe! Er befahl mir zu verschwinden, und das tat ich nur zu gerne. Sie stritten lautstark und dann hockten sie im Staub und palaverten stundenlang. Was sie sagten, konnte ich nicht verstehen, aber ich hatte solche Angst. Babo war schließlich ein alter Mann – die nicht! Dann kam er, und er war wütend ohne Ende. Auf sich, auf mich, auf diese Männer! Er … er … verpasste mir einen der schlimmsten Anschisse meines Lebens – und das, ohne die Stimme zu erheben. Und dann kam es:

Babo erklärte mir, dass er zwar verhindern konnte, dass sie sich nahmen, was ihnen vermeintlich zustünde, aber nicht mehr. Sie wollten Sex, und den würden sie bekommen. So oder so! Flucht sei nicht möglich, selbst dann nicht, wenn er es gewagt hätte, denn sie hatten längst eine Art Wagenburg um seinen Truck gebildet, aber er habe einen Deal ausgehandelt. Wenn sie schon Sex haben würden, dann müssten sie auch zahlen. Das wäre nur recht und billig! Jeder war bereit, 100 Euro auf den Tisch zu legen. Sie würden vorher duschen, und sie würden Kondome benutzen! Das sei aber auch schon alles. Mehr könne er nicht mehr für mich tun. Er würde aufpassen, dass mir nichts geschähe, dass ich nicht verletzt würde oder dass es ausartete, aber …

Mir war so schlecht, dass ich in seinen Truck kotzte. Babo verlor kein Wort darüber. Er meinte nur, ich solle mir überlegen, wie ich am ungeschorensten davonkommen würde, und das sei wohl, indem ich mitmachte … oder zumindest, indem ich mich nicht zur Wehr setzte. Er hatte recht! Wie ich den Rest des Tages verbrachte, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass immer wieder einer klopfte, um mir ein Geschenk zu bringen! Eine Flasche Wein, eine Salami, eine Muschelkette … und irgendwann erkannte ich, dass diese Männer nicht böse waren. Sie wollten mir sogar gefallen.“


Tobias schnaubte. „Warte mal einen Moment! Ich komme gleich wieder!“ Er holte eine halbvolle Flasche Cognac und zwei Gläser. Diese Story würde er ohne Alkohol bestimmt nicht überstehen. Sie brannte in seinem Herzen. Sophia lächelte, als sie es sah, ließ sich aber kein Glas geben. Dann erzählte sie weiter:

„Es sollte abends passieren – um 9 Uhr – und zwar in aller Öffentlichkeit. Das schockte mich zwar, gab mir andererseits aber auch Sicherheit. Babo würde dabei sein. Und dann war es soweit. Wir gingen zum Lagerfeuer und da stand … ein Bett! Es war sogar sauber. Daneben ein Tisch und ein Stuhl – für Babo. Er setzte sich. Ich stand da, wie bestellt und nicht abgeholt, aber auch die Trucker fühlten sich wohl nicht zu sicher. Keiner sah mir in die Augen!

Babo schlug mit der Faust auf den Tisch, so laut, dass ich fast einen Herzinfarkt bekommen hätte. „Es geht los!“, sagte er. „Zuerst mal … werdet ihr zahlen!“ Der erste trat zu ihm, und reichte ihm einen Hunderter. „Und?“, fuhr er ihn an. Der Trucker legte noch einen Zwanziger dazu, und Babo drückte ihm ein Kondom in die Hand. „Also, damit das klar ist: Einmal Spritzen, das war es! Sie macht keine Extrarunden, keinen Blowjob, keinen Handjob und … NICHT ANAL! Ihr dürft sie berühren, aber nicht küssen!“, erklärte er und die Männer nickten Zustimmung.

Danach trat einer um den andern an den Tisch und bezahlte … für MICH! Weißt du, Tobias, mir war sehr flau und ich wusste nicht, was ich denken, was ich tun sollte, aber andererseits … waren da 12 Männer die 1200 Euro bezahlten … War ich das wert? Als Babo das ganze Geld 1440 Euro in seiner Tasche verstaut hatte, warf er mir ein schwarzes, kurzes Nachthemdchen zu und sagte: „Geh in den Truck und zieh dich um. NUR das Hemd!“

Ich kletterte ins Fahrerhaus und saß da, das Hemd in der Hand. Ich hatte mich selber in diese verdammte Situation gebracht durch meine Sturheit – aber vielleicht war das nun auch endlich die Strafe für mein Baby…“


Tobias stutzte. „Dein … Baby?“

„Mein Kind, ja! Ich habe vor 10 Jahren meinen kleinen Sohn verloren, als er vier Jahre alt war – und ich war schuld daran. Er ist ertrunken, weil ich nicht aufgepasst hatte – und mein Mann … er hat mir nie verziehen!“

„Okay …!“, brach Tobias ab. Auch sie hatte ihr Kind verloren! Noch so einen Schicksalsschlag würde er nicht verkraften. „Erzähl weiter!“

„Also da saß ich nun und stierte vor mich hin. Keiner kam, aber ich wusste, sie würden nicht umsonst bezahlt haben, also zog ich mich um. Wenigstens war ich nicht ganz nackt! Babo hatte daran gedacht. Als ich in dem Hemdchen und barfuß aus dem Wagen kletterte, hörte ich sie raunen. Ich ging zum Bett und setzte mich hinein. Ein Mann trat auf mich zu, als Babo „Du nicht!“ brüllte. Der Mann fauchte, wie ein wildes Tier. „Warum nicht?“, aber Babo lachte. „Hast du dich schon mal im Spiegel gesehen? Willst du sie schocken? Du kannst später, aber nicht als erster!“

In diesem Moment tat er mir leid, und ich streckte die Hand nach ihm aus … Im Nachhinein glaube ich, das war gut, denn er kniete vor mir nieder, streichelte meine nackten Beine und küsste meine Knie. Er murmelte, wie weich meine Haut sei und wie wunderschön ich wäre, aber dann stand er auf und zog seine Hose aus. Sein Schwanz war nicht besonders groß, aber steif und beschnitten. Ich hörte auf zu denken, legte mich hin und spreizte die Beine. Eigentlich denke ich, er wollte vielleicht noch was anderes - mehr, aber als er meine Muschi sah, konnte er sich nicht beherrschen, und nur Babos Schrei hielt ihn zurück. Er zog brav das Kondom über, kniete sich zwischen meine Beine und versuchte in mich einzudringen. Das hat aber nicht funktioniert, denn ich war trocken wie die Sahara! Bevor es aber richtig schmerzte, warf Babo uns eine Dose Vaseline zu. Danach ging es … wie geschmiert – ungefähr fünf Stöße lang. Dann spritzte er, und es war vorbei. Als er sich von mir herunterwälzte, dachte ich: ‚So schlimm war es gar nicht!‘

Der nächste hatte das Kondom schon drüber, schmiss sich einfach auf mich und rammelte los. Seine Hände packten meinen Busen und quetschten ihn, aber auch hier: Bevor es richtig wehtat, hörte ich Babo ziemlich laut flüstern: ‚Saugeil!‘, und der Mann spritzte, aber er war stinksauer, weil er geglaubt hatte, länger durchzuhalten. Babo zwinkerte mir zu, und ich überlegte mir, ob ich nun all die Liebhaber, die ich in den letzten zehn Jahren nicht gehabt hatte, auf einmal haben würde. Nummer drei und vier waren ähnlich schnell, aber der fünfte Mann hatte wohl vorher schon abgespritzt und ließ sich Zeit. Er brauchte eine gefühlte Ewigkeit, aber irgendwann stieg er ab, und ich hörte Babo sagen, dass ich jetzt eine Pause bräuchte. Er brachte mich in den Truck, und wir tranken Schnaps. Das tat gut, aber dann … Na ja, ich hab es überstanden.“


„Aber wenn sie alle Pariser trugen …?“

„Entweder war einer kaputt, oder einer hat es absichtlich gemacht, aber ich weiß nicht wer. Jedenfalls hat Babo mir am Ende der Nacht das ganze Geld gegeben, und als ich ihn fragte, ob er nicht auch noch „vögeln“ wolle, da schüttelte er nur traurig den Kopf. Am nächsten Morgen fuhr er mich nach Düsseldorf und das war’s. Ich wanderte durch die Stadt, und als es Nacht wurde, fragte ich mich, ob ich in ein Hotel gehe sollte. Das Geld hatte ich ja nun, aber ich war schon so lange nicht mehr … bürgerlich, und es war Sommer, also packte ich den ganzen Schotter in ein Schließfach.

Das ist nun schon fast vier Monate her, und seit vorletzter Woche weiß ich, dass ich schwanger bin. Ich hab einen Test gekauft – bei dir! Es war das erste Geld, das ich ausgab! Du warst sehr nett zu mir und wünschtest mir viel Glück … vielleicht konnte ich deshalb nicht weg, aber vielleicht auch, weil ich früher mal … in einem anderen Leben … in einer Apotheke gearbeitet habe. Das einzige Buch, das ich noch mir herumschleppe, ist ein Lehrbuch von damals: Physik und Arzneiformenlehre! Seit diesem Tag schlief ich bei dir … in deinem Eingang, und dann hast du mich gefunden.“


Tobias schüttelte den Kopf. Das Frühstück stand vergessen am Boden, der Kaffee und auch der Cognac waren dagegen fast leer.

„Ich glaube nicht, dass irgendetwas auf dieser Welt zufällig geschieht. Wir teilen ein ähnliches Schicksal, haben beide unsere Kinder und Partner verloren, und nun bist du hier – bei mir … und du bekommst ein Baby, das keinen Vater hat. Denkst du … glaubst du … könntest du dir vorstellen, dass ich … sein Vater sein könnte? Dass wir beide … vielleicht ein zweite Chance bekommen?“

Sophia lächelte, dann stieg sie aus der Wanne und trocknete sich ab.

Sie war so schön, und sie war so nackt … und Tobias sah sie vor sich in diesem Bett sitzend - in einem schwarzen Hemd - umringt von Männern. Auch er wurde geil!

Und als habe sie seine Gedanken gelesen, zwinkerte sie ihm zu: „Und weißt du, was komisch ist? Seit damals … hab ich wieder Lust!“

© Anna