Ratsch im Treppenhaus



© Sinnenflut


Da standen sie meine Nachbarinnen und ratschten. Susanne, Ingrid und Chantal.

„Habt ihr schon gehört …“, flüsterte Ingrid. „Ihre Hochzeitsreise geht nach Malle!“

„Echt jetzt?“, empörte sich Chantal lautstark. „Malle? Na fürnehm is des abba nich! Sonst muss sie doch auch immer was Besonderes haben!“

„Sie“ das bin ich, und das „Besondere“ ist mein Ehemann Maurice, und „sie“ grinst sich gerade eins.

Maurice stammt aus Haiti und … er ist schwarz! Nicht nur so ein bisschen, nein! Maurice ist richtig dunkelschwarz. Nachts, wenn er die Augen schließt, ist er nicht mehr da! Naja, zu sehen meine ich. Sonst ist er sogar sehr da.

Mein Bild von einem Mann, fast 1,90 m groß und muskulös. Er war beinahe ein Navy S.E.A.L., ist aber an der Höllenwoche gescheitert, und darüber bin ich heilfroh. Heute hat er eine große Security Firma und verdient gutes Geld. Und er wird nicht für die Ehre irgendeines Landes sterben!

Er wird für mich leben.


Momentan allerdings stehe ich im Treppenhaus meiner Wohnung – wir sind mitten im Umzug – einen Stock über meinen neugierigen Nachbarinnen und habe das Vergnügen mitzuhören, was sie so denken!

Ehrlich gesagt, ich weiß es auch so. Die Verbindung von einem schwarzen Mann und einer weißen Frau schreit geradezu Wollust! Die Schlampe muss es sich von einem schwarzen Riesen besorgen lassen! Die weißen Männer genügen ihr wohl nicht! Wie oft ich das schon gehört habe – in dieser oder ähnlicher Formulierung. Kenne ich alles. Eigentlich könnte ich weiterarbeiten …

„Wisst ihr … ich habe sie neulich gesehen! Dabei!“, flüstert Susanne.

„EHRLICH? Wie? Wo?“ Chantal platzt vor Neugier.

„Du weißt doch, ich wohne obendrüber!“

„Ja, aber das nützt doch nix! Oder hast du ein Loch gebohrt?“, spottet Ingrid.

Hallo? Wieso hat diese neugierige Hexe uns gesehen?

„Nein, aber über den Balkon … kann man …“

Kann man nicht! Nicht wenn man sich nicht über die Brüstung hängt wie ein Orang Utan in Sumatra! Diese …

„Erzähl! Los erzähl!“, tönt es im Kanon.

„Okay! Ich sah sie … nackt – alle beide. Amelie sieht spitze aus!“

„Wen interessiert SIE?“ Chantal ist fast sauer. „ER! Wie sieht ER n-a-c-k-t aus?“

Ich hab kaum je eine so gierige Stimme gehört. Sie ist scharf auf ihn.

„Sie lag auf dem Esstisch …“

Esstisch? Sie muss wirklich kopfüber am Balkon gehangen haben. Unser Esstisch steht mitten im Zimmer.

„Ihre Schenkel waren weit gespreizt, und der nackte Mohr hat ihr die geile Möse geleckt!“

Chantal stöhnt so hemmungslos, als wolle sie ihn anspringen, wenn er ihr jetzt begegnen würde. Oh ja, ich erinnere mich. Es war unser Kennenlern-Jubiläums-Tag!

„Er hat einen Traumbody, das sag ich euch, den schärfsten, schwarzen Arsch, den ich je gesehen habe! Und dann … sah … ich … ES!“

Stille. Man hätte die Luft zwischen ihnen vermutlich schneiden können.
„WAS?“, keuchte Chantal lüstern.

„Seinen Schwanz!“, flüsterte Susanne. „Ich sag es euch, das Teil ist rie-sig! Gi-gan-tisch! Ich hab sowas noch nie gesehen. Mindestens 30cm!“

Hallo? Geht’s noch? 30cm? Nie? Okay, er ist groß, aber so groß ist er nicht!

„Und diese Eichel!“

Chantal gab Geräusche von sich, als käme sie gleich hier und jetzt.


„Und dann hat er ihr diesen Hammer … er hat ihr diese gigantische Spitze in ihre Fotze gebohrt, und sie hat gestöhnt, ich schwör’s euch, als flöge sie in den Himmel! Er hat sie durch Sonne, Mond und Sterne gefickt!“

Chantal wimmerte jetzt wollüstig, und mir reichte es. Fröhlich hüpfte ich die Treppe hinab.

„Hallo meine liebsten Nachbarinnen!“, flötete ich. „Ich wollte mich verabschieden zur Hochzeitsreise. Wir fahren übrigens auf die Malediven!“

In der Tür drehte ich mich um und grinste: „Nicht nach Malle!“

 

© Anna