Sturmwarnung

 

Meine Freundin hat mir neulich ein Nachthemd geschenkt. Es passt ihr nicht mehr.

Mir passt es.

Es ist sexy. Zwei Träger halten ein transparentes Oberteil aus elastischer Spitze. Daran befestigt ist ein bodenlanges, weichfließendes Gewand, das vorne offen fällt und nur dadurch noch keine Geheimnisse offenbart, dass es überlappt.

Es ist hübsch, wenn man von der Farbe mal absieht, denn es ist blassgelb! Gelb ist nicht meine Farbe. Derzeit allerdings steht es mir gut, denn ich war im Urlaub und bin braungebrannt. Auf brauner Haut sieht Gelb toll aus, also ziehe ich es jetzt an.

Es ist dreiviertel elf, und eigentlich wollten wir ins Bett gehen, aber es ist auch noch immer ziemlich heiß. Für heute Nacht sind Stürme gemeldet, und bereits jetzt wetterleuchtet es.

Es ist eine fantastische Nacht!

„Gehst du noch mit auf den Balkon?“, frage ich ihn.

„Wenn du etwas zu Trinken mitbringst!“

Er geht ins Bad und ich in die Küche. Aus hohen Gläsern schmeckt gekühlte Frankenwein-Schorle besonders gut.

Eigentlich habe ich die Stühle schon an die Wand geschoben und alle Polster in Sicherheit gebracht – wegen des Sturms, aber egal. Ich stelle die Getränke ab, setze mich und zünde eine Kerze an.

Kurze Zeit später kommt er, schaut mich an, und ich sehe die Blitze in seinen Augen. Mit einem Fuß zieht er einen Schemel heran, stellt ihn vor uns und setzt sich neben mich.

Als ich meinen Fuß auf dem Schemel platziere, fällt das Hemd auf, aber nachdem er neben mir sitzt …

Rechts und links vor uns bekommen wir ein grandioses himmlisches Schauspiel geboten. Blitze zucken und erhellen den wolkenverhangenen Himmel. Das Farbenspiel ist märchenhaft. Links, da wo die Stadt liegt, schimmert das Wolkenmeer rötlich, und auf der anderen Seite glaubt man zwischen den Blitzen blaugrüne Unendlichkeit zu erahnen.

Die völlige Stille zaubert eine eigene, fast mystische Stimmung in die Nacht.

Seine Hand liegt auf meinem Knie.

Wir prosten uns zu.

Der Wind frischt auf, und ich höre ihn aufatmen. Ich verkrafte die Hitze viel besser als er, aber nun überzieht ein Schauer meine Haut.

Seine Hand wandert höher.

Ich kann sein Lächeln hören, als er sagt: „Sag, lässt du dir einen blasen?“

Auch ich lächle: „Nicht ausschließlich!“

Seine Hand ist angekommen. Wie gut, dass er Linkshänder ist.

Ganz zärtlich spielen seine Finger mit weicher, glattrasierter Haut.

Wie angenehm das ist, hier zu sitzen, in einer immer noch warmen Sommernacht und den kühlen Wind zu genießen. Ich weiß, dass gleich ein Unwetter losbrechen wird, und ich erwarte, ja ersehne den Sturm beinahe.

Sinnend vergleiche ich die Sensationen.

Der sanfte Hauch seiner Zärtlichkeit gleicht dem kühlen Wind, und das Spiel seiner Finger ist erregend, wie das Warten auf die Entfesselung der Elemente!

Erde, Feuer, Luft und Wasser – zu mir!

Seine Fingerspitzen drängen sich tiefer, sinken ein in üppige Feuchtigkeit, und ich frage mich, wie bei all dieser Nässe ein sinnliches Feuer gedeihen kann.

Aber egal wie, ich stehe in Flammen!

Ich lege den Kopf in den Nacken und genieße seufzend.

Wie er es nur schafft, immer die richtigen Stellen zu finden!

Wetterleuchtend ziehen Wünsche und Gefühle durch meinen Kopf, blitzen auf und erleuchten ein windgepeitschtes, aufgewühltes Seelenleben.

Wie entspannend, sich ihm anvertrauen zu können! Wie wundervoll, ihm all mein Verlangen als Morgengabe zu Füßen legen zu können und seiner Verschwiegenheit und Liebe sicher zu sein.

Ich öffne mich weiter, überantworte mich seinen geschickten Händen und flehe sehnsüchtig um mehr.

„Ja, Liebste, ja! Lass dich gehen! Schenk dich mir, meine Schönheit!“ Er flüstert mir aufregende, kleine Schweinereien ins Ohr, und ich folge jedem seiner Fingerzeige.

Und als donnernd der Sturm losbricht, explodiert mein Himmel!

 

© Anna




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