Monsterjagd

 

Maria wusste genau, was sie zu tun hatte. Ihre Schwester hatte sie instruiert, ihre große Schwester Paula. Maria war ein Nachzügler gewesen und ganze 15 Jahre jünger als ihre Schwester, aber sie liebte sie von Herzen.

Am Tag nach der Sache mit der Ohrfeige, tuschelte die ganze Schule:

Kai hatte die Klassenlehrerin, Frau Nehm geliefert! Maria hasste Kai, denn Maria war die Tochter von Herrn Röhrig, Kais erstem Opfer. Ihr Vater war ebenfalls Lehrer, und er hatte versucht sich das Leben zu nehmen, wegen dieser kleinen Ratte.


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Als Kai, mit erhobenen Armen, in Siegerpose, die Klasse betrat und sich feiern ließ, stand sie auf und schlich sich an. Niemand beachtete sie, alle grinsten nur den vermeintlichen Sieger an und lachten über Martin, der im Kriegstanz um ihn herumtanzte.

„Wie habe ich das gemacht?“

Bevor die andern antworten konnten, sagte Maria laut und deutlich: „Gib mir meinen Kuli wieder! Du hast ihn gestern eingesteckt. Ich hab’s gesehen.“ Kai guckte verdutzt. Er konnte sich nicht erinnern. Es gab eigentlich auch nichts zu erinnern. Sie hatte ihm den Kuli in einem unbeobachteten Moment in die Jacke gesteckt, denn Maria und ihre Schwester würden alles tun, diesem Mistkerl das Handwerk zu legen.


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Paula war fassungslos gewesen, als ihre kleine Schwester ihr die Geschichte von Frau Nehm und der Ohrfeige erzählte. Da hatte dieses Monster doch tatsächlich schon ein neues Opfer gefunden.

Sie waren allesamt - Lehrer wie Schüler - hilflos seiner Gemeinheit ausgeliefert. Nun allerdings nicht mehr. Sie nicht mehr!

Paula, war nicht nur 15 Jahre älter als Maria, die mit Kai in die Klasse ging, sie war auch in diplomatischen Diensten und ein wirklich gewürfeltes Mädchen. Sie hatte Maria ausgestattet mit allem, was ihr Dienst zu bieten hatte. Knopfcams, Spionage-Kugelschreiber und Aufnahmegeräte, die in winzigen Radiergummis eingebaut waren, und so hatte sie nun - Stück für Stück - die nicht so ganz geheimen, bösartigen Pläne des Übeltäters auf ihrem Laptop zusammengestellt.

„Bring mir den Kuli!“, wies sie ihre Schwester an und hoffte, darauf Material zu finden, das sie verwenden konnte. Sie war stolz, dass ihre Schwester das hinbekommen hatte. Augenscheinlich war die perfekt geeignet für Spionagetätigkeiten, und sie hatten Glück. Das aufgenommene Gespräch zwischen Vater und Sohn, nach dem Treffen mit der Direktorin, war sehr erhellend.

Paula war begeistert. Bisher hatte sie geglaubt, dass Kai ein missratenes Kind sei, aber der Vater war ja noch viel schlimmer. Das vereinfachte sie Sache enorm. Sie stellte ihre Beweise zusammen.

Die „Befehle“ an die Klasse hatte sie nun, dank ihrer Schwester, sogar schriftlich:

Gleich Heute!!!

Erste Stufe: Allgemeine Unruhe
Zweite Stufe: Blasrohrgefecht im Rücken der "Nehm" – gezielte Schüsse auf sie, ihre Tasche und die Tafel
Dritte Stufe: Aufsässiges Herumlümmeln, provozierende Mienen



Die Aufzeichnung des Vater-Sohn-Gesprächs auf dem Kuli war auch mehr als eindeutig:

„Und hast du jetzt erreicht, was du wolltest?“
„Ja!“
„Du hast ein Leben binnen vier Stunden ruiniert.“
„Ich weiß, Paps!“
„Dann kannst du ja stolz auf dich sein, mein kleines Monster“, erwiderte der Vater lachend.
„Ich bin dein Sohn.“


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Paula machte Fotos und zog alles auf einen Stick, all die Abmachungen zwischen Kai und Martin, die ganzen bösartigen Pläne die Lehrer fertig zu machen und zum guten Schluss, das „Lob“ des Herrn Papa!

Unter einem Vorwand rief sie in der Kanzlei von Herrn Dr. Fröhlich an, nur um sicherzustellen, dass er da war, wenn sie kam, und dann zog sie sich um:

Elegant, auffallend und sexy!

Sie hatte recherchiert.

In einem weißen Mini mit schicken, aber bauchfreien, geometrischen Oberteil, das ihre leicht gebräunte Haut wundervoll zur Geltung brachte, würde sie genau die richtige Wirkung haben. Rote Highheels und eine rote Clutch vervollständigten ihr Outfit. Dann noch ein kirschroter Mund und ein verrucht loser Haarknoten.

Oh ja, sie wusste inzwischen, was Dr. Fröhlich konvenierte!

Schwungvoll betrat sie nachmittags gegen fünf die Kanzlei: „Ich habe einen Termin mit Kon…“ sie räusperte sich. „… mit Herrn Dr. Fröhlich!“

Man musste den Leuten Zeit geben, den falschen Eindruck zu bekommen, also öffnete sie ihre Clutch und holte den Spiegel heraus, betrachtete sich zufrieden.

Die Sekretärin wusste aber wohl genau, was für ein Mann ihr Chef war.

„Selbstverständlich! Kommen Sie bitte!“ Sie fragte sie nicht einmal nach ihrem Namen!

Mit gekonntem Hüftschwung betrat sie lächelnd das Allerheiligste. Dr. Konrad Fröhlich leckte sich die Lippen und schwieg. Sie setzte sich, zeigte viel Bein.

„Was kann ich für Sie tun, Frau …?“ Begehrlich sah er sie an.

Paula schwieg, öffnete ihre Tasche, nahm eine Visitenkarte heraus, notierte etwas darauf und reichte sie ihm.

Dann sagte sie streng: „Sie können … 250.000 Euro auf dieses Konto überweisen. Schmerzensgeld für Herrn Röhrig, und weitere 100.000 Euro gehen an Frau Nehm – für den Schock. Außerdem entschuldigen Sie sich bei ihr und stellen ihren Ruf wieder her!“

Dr. Fröhlich wurde blass, fasste sich aber schnell.

„Was fällt Ihnen ein?“ Geschickt fing er den Stick, den Paula ihm hinwarf und steckte ihn in seinen PC.

Paula schwieg, während er Beweise inspizierte.

„Wenn Sie glauben, dass Sie vor Gericht damit durchkommen … lächerlich!“

Er lächelte siegessicher – so wie Paula.

„Nicht doch, Konrad!“

Sie duzte ihn – das war nicht gut.

„So verrückt bin ich nicht, aber du weißt doch, was für eine wunderbare Schlagzeile die BILD daraus machen würde – und das Jugendamt wäre sicherlich auch hochinteressiert … an deinem entzückenden Filius.“

Dr. Konrad Fröhlich schluckte.

Mit diesen Unterlagen würde die BILD ihn schlachten, ihn und seine Kanzlei, seine Frau und vermutlich auch seinen Sohn. Es würde nichts übrig bleiben - außer einem Ruf wie Donnerhall. Im Vergleich dazu waren 350.000 Euro direkt billig.

Paula stand geschmeidig auf.

Diese Frau war absolut seine Kragenweite – in jeder Beziehung. Er konnte es spüren.

„Und … Kai verlässt die Schule!“

Er erhob sich, nickte … und küsste ihr die Hand.

„Könnten wir …“

Paula zog eine Braue hoch und schüttelte den Kopf.



Er senkte den Blick - endgültig.
Dr. Konrad Fröhlich wusste, wann er verloren hatte!





© Anna