Rosenmontag

 

Da sitze ich nun ziemlich einsam vor mich hin. Meine beste Freundin wollte zum Rosenmontagsball mitkommen, und nun liegt sie krank im Bett. So eine himmelschreiende Ungerechtigkeit aber auch. Da besuche ich sie extra deshalb, meine Marianne, und auch die alte Heimat, um mich mal umschauen zu können - unerkannt - und nun hocke ich hier: ALLEIN!


Marianne hatte darauf bestanden, dass ich hinginge, obwohl mir jetzt der Sinn gar nicht mehr danach steht, aber schließlich hatte sie die Karten gekauft. Ein Faschingsball ist nicht gemacht für Singles! Schwachsinn! Natürlich ist er das! Gerade eben! Bloß mir ist nicht danach. Ich habe gerade eine total verschissene Trennung hinter mir – von meinem total bescheuerten, fremdfickenden Verlobten, und ich habe gerade keinen Bock! Auf gar nichts!

Deswegen hat mich meine beste Freundin ja auch dauernd belatschert! „Komm doch zu mir, Finny! Komm heim! Erstens können wir quatschen, zweitens vergisst du diesen Idioten, und drittens muss ich nicht solo zum Faschingsball!“ Klar hat sie recht, aber mir ist nun mal nicht wohl dabei. Mir ist nach Kamillentee und Pralinen! Mir ist nach Bett, nach Decke über‘n Kopf und Wunden lecken! Und nun sitze ich hier - alleine!

„Marianne, du Nuss!“, fluche ich leise vor mich hin. Ich friere! Warum muss es hier so kalt sein, und warum muss ich ausgerechnet heute dieses halbnackte Kostüm anhaben? Hätte ich doch meinen Eisbären gemacht! Dann müsste ich wenigstens nicht frieren, aber Marianne, diese ..., hat ja drauf bestanden, dass eine Haremsdame bessere Chancen hat - bei den Männern! Ich will keine Chancen haben! Schon gar nicht bei Männern! Männer sind doof! Allesamt widerliche Schürzenjäger! Verfickte, ekelhafte Ehebrecher! Gut, ich bin nicht verheiratet, aber trotzdem! Charly ist mein Mann - gewesen! MEINER! - Jetzt nicht mehr! Nein! Jetzt nicht mehr.

„Liebling! Das ist doch wirklich nicht so schlimm! Mach doch kein Drama daraus!“, hat er mich angesäuselt - völlig high. „Ist doch Fasching! Da nimmt man das doch nicht so genau mit der Treue!“ Oh doch, ich nehme das genau, und wie! Und ausgerechnet diese dumme Nuss. Mit unserer Nachbarin muss er vögeln, der Blödmann! Ausgerechnet! Ha! Die, von der er immer gesagt hatte, sie hätte nur das „Zu vermieten“-Schild vergessen anzubringen! Die Schlampe aus dem ersten Stock: Ssuuussi! Ich glaub’s nicht!

„Finny?“
Hä?
„Finchen? Bist du das wirklich?“
Wer denn? Wo denn? Was denn? Ja, ähhh… Wo bin ich hier eigentlich? Ach ja, Rosenmontagsball – alleine!
„Finny? - FINNY!“ Die Stimme wird lauter – ungehalten. Ich sitze aber auch da herum wie Pik 7. Vor mir steht ein … ja, was bist du denn für einer? Ein beeindruckend großer Mann in Lederhosen, langen Büffellederhosen, die sicher ziemlich viel Geld gekostet haben und bestimmt nicht für den Fasching gekauft wurden. Er trägt ein offenes, blütenweißes Oberhemd und einen Spielzeug-Pistolengürtel um die Hüften, die mir auffallend schmal erscheinen. Cowboy, entscheide ich, aber dann wandert mein Blick nach oben: Langes, offenes, schwarzes Haar und ein besticktes Band um die Stirn. Fehlt nur noch die Adlerfeder: Kein Cowboy, nein, eher Indianer! Aber eine Perücke ist das nicht, oder? Wenn, dann einen sündteure – Echthaarperücke. Und dann: Blaue Augen! Quietschblau! Aua!

„Bert?“ Eigentlich bin ich sicher, obwohl es vielleicht nicht sicher klingt.
„Ganz genau! Bert! Und du bist es wirklich. Finchen!“ Er lacht, nimmt mich in die Arme, hebt mich von meinem Barhocker, als sei ich eine Feder, schwenkt mich im Kreis herum - und schmatzt mir einen Kuss mitten auf den Mund, bevor er mich behutsam wieder absetzt!
„Du schaust aber … nicht glücklich aus!“
„Danke!“ Es knurrt aus mir. Ich bin das nicht, aber das habe ich gerade noch gebraucht. Ja, genau das! Doch er hat es schon gecheckt.
„Nein, Finny, nein! Nicht böse sein. Ich meine: Du siehst gut aus! Hinreißend gut!“ Seine Blicke gleiten an mir auf und ab, genau wie das Kribbeln, das synchron damit einhergeht.
„Nur … unglücklich! Du schaust traurig aus, Finny, wir haben doch Fasching! Da ist man nicht traurig, Finny, weißt du das nicht?“
Das weiß ich doch selber, du Depp! Aber mach mal was dagegen.
Er nimmt meine Hand, zieht mich vom Hocker und schleift mich auf die Tanzfläche.
„Komm tanzen! Du bist eiskalt, Finny, du musst wieder warm werden!“
Und dann wirbelt er mich herum, wie in guten, alten Zeiten.

Au ja, wir zwei konnten das schon immer. Schließlich haben wir zusammen einen Tanzkurs gemacht vor … wie lange ist das her? Bestimmt fünf Jahre oder acht? Wann bin ich nach München gezogen? Ach egal, ich kann jetzt nicht denken - ich fliege gerade. Nach der Schule haben Bert und ich immer zusammen geübt, heimlich! Wir waren besser, als alle anderen, aber wir haben eisern behauptet, das sei eben angeboren! Auf einmal erwische ich mich dabei, wie ich in mich hinein grinse. Komisch! Es geht mir gut – gerade eben. Einfach nur tanzen, schweben, nicht denken – sich nur der Musik hingeben und fliegen. Wie lange habe ich das schon nicht mehr gemacht?

Charly kann nicht tanzen. Er will nicht tanzen! Und schon ist das Grinsen weg.

Disco-Fox! Und Bert führt so wunderbar. Damensolo und zurück und Platzwechsel und drehen und rein und wieder raus – herumfliegen. Ich merke, wie man uns Platz macht und genieße. So was muss man genießen. Jetzt friere ich auch nicht mehr. Erst recht nicht, als Bert mich zum Zement-Blues in die Arme nimmt. Das ist so schön, einfach so himmlisch schön! Und er riecht so gut. Was ist das bloß für ein Duft? Ich schmiege mein Gesicht in sein Haar. Ja, es ist sein Haar – keine Perücke. Bert hat langes, wundervoll gepflegtes Haar – und er sieht wirklich aus wie ein Indianer. „Winnetou!“, flüstere ich begeistert.

Es ist irgendwie alles so vertraut und doch auch so aufregend neu. Wäre ich geblieben, damals, wir wären ganz sicher ein Paar geworden, denn auch, wenn uns das nicht klar war: Es ist wohl Liebe gewesen. Zumindest eine Unterart davon. Wir tanzen und tanzen – schweigend – solange, bis die Kapelle aufhört zu spielen. Pause!
„Kommst du mit in die Bar?“, fragt er, und ich nicke.
„Hugo? Oder lieber … Cuba libre?“ Er weiß es noch!
Ich lächle. „Cuba libre ist wohl schon lange aus der Mode gekommen! Also Hugo!“ Und als er mir das Glas reicht, verschränkt er ganz selbstverständlich seinen Arm mit meinem und trinkt wie zur Brüderschaft. Erst nimmt er das Glas und stellt es beiseite. Dann nimmt er mich - und küsst!
Jetzt ist mir erst recht heiß. Junge, kannst du küssen!
„Nochmal, bitte!“ Bin ich jeck? Ich bitte ihn um einen Kuss? Aber er küsst auch wirklich so verdammt gut, und ich werde jetzt aufhören zu denken. Ich werde leben. Mit Bert und mir hat es schon immer gestimmt, also dann …
Küssen! Wir knutschen und trinken, bis die Musik sich auf ihre Pflichten besinnt und zu spielen beginnt.

Es ist dreiviertel 2 Uhr, als sie endlich die absolut letzte Zugabe verkündet, und wir zwei kleben aneinander. Ich will ihn nicht loslassen.
„Bist du verheiratet?“, flüstert er fragend in mein Ohr.
Ich schüttle den Kopf. „Du?“
Sein schwarzes Haar fliegt, als auch er energisch den Kopf schüttelt.
In letzter Sekunde fällt mir was ein: „Du hast nicht zufällig eine feste Freundin – und nur weil Fasching ist …?“
„Spinnst du?“ Er wird ganz rot vor Empörung. „Das ist doch nicht Fasching!

Das ist … Liebe!“

 

 

© Anna




Faschingsdienstag