Rote Schleife

Himmel, in seiner Hose vibrierte es.

Blöd! Er hatte vergessen sein Handy abzustellen. Dabei war es nun wirklich nicht nötig am Heiligen Abend erreichbar zu sein! Er ignorierte es, denn schließlich saß er am festlich gedeckten Tisch seines Sohnes und der Schwiegertochter. Sie feierten Weihnachten zum ersten Mal nicht zuhause im Kreise der Familie, sondern bei seinem Ältesten, der sich anschickte ebenfalls eine Familie zu gründen.

Alle waren geladen, beide Eltern, die Geschwister und alle Freundinnen und Freunde dazu, und die Gastgeber hatten sich wirklich Mühe gegeben. Das Wohnzimmer war umgestellt worden, um den entsprechenden Platz zu bieten, der Weihnachtsbaum glänzte, und die Festtafel schimmerte im Kerzenschein. Sie hatten einen wunderbaren Aperitif genommen und saßen nun bei schmelzender Kürbiscreme-Suppe mit gerösteten Mandeln. Köstlich …

… und in seiner Hose bimmelte es.

Er war ja eigentlich nicht neugierig, aber … wissensdurstig, wie er seiner Frau immer wieder versicherte, wenn sie verschmitzt lächelte. Wieso bloß lächelte sie schon wieder so? Sie saß ihm gegenüber, und sie sah absolut bezaubernd aus. Topasblondes Haar umrahmte ihr hübsches Gesicht, und ihr Mund schimmerte korallrot. Ihre Zunge huschte über weiche Lippen und fing die letzten Tröpfchen der Suppe ein – und ihm wurde warm ums Herz. Was hatte er für ein Glück! Als sie ihr Heim verlassen hatten, hatte sie ihn geküsst, und ihr „Vergiss es nicht!“ bedeutete „Ich liebe dich!“

Danach gab es Rapunzel-Salat mit Stücken gebratener Maultaschen. Es schmeckte ausgezeichnet … und doch war er nicht so ganz bei der Sache.

Wer musste ihn denn an Weihnachten so dringend sprechen?

Vor der Hauptspeise nutzte er die kleine Pause und zog sich zur Toilette zurück. Nein, es war kein Anruf gewesen, es war eine MMS – und sie kam von seiner Frau. Aber … was zur Hölle …




© Anna


Wirklich erkennen konnte er eigentlich nur die knallrote Schleife, der Rest war … zu dunkel! Trotzdem hielt er die Luft an. War das nun … der schwarze Bereich unterhalb der Schleife, war das nun ihr Mini? War das ein … Strumpfband?

Da saß er nun und hielt sein Handy auf dem Schoß und sah zu, wie sich Schub um Schub seine Männlichkeit hob. Dieses elende Weib! Er musste lachen. Da hatte sie ihn schon wieder gekriegt – mit … ja, eigentlich nur mit seiner eigenen Fantasie! Aber wenn er sich ihre schönen Beine vorstellte – schwarz bestrumpft – mit dieser ganz offiziellen Einladung! Wunderbar! Er liebte dieses hinterlistige Weibsstück!

„Du komm mir nur heim!“, murmelte er.

Wie schön, dass ihre Kinder heute alle beschäftigt waren. Niemand brauchte sie, keiner würde sie stören – und er würde seine bezaubernde Verführerin schon hinter der Eingangstür an die Wand nageln. Ganz bestimmt!

„Du komm mir nur heim!“

Er würde ihr den Mantel ausziehen und dann diesen unverschämt kurzen Rock schürzen und feststellen, ob das nun Strümpfe waren oder eine Strumpfhose. Und wenn … ja, dann hatte sie Pech gehabt, die Strumpfhose. Er würde nicht warten, oh nein! Ihr heißes Fleisch gierte nach seinem Schwanz.

Er hatte Probleme ihn wieder unterzubringen, in dieser schicken Anzughose.

„Du kommst gerade recht - zur Hauptspeise!“, lächelte diese kleine Schlange süß, und er setzte sich. Unter dem Tisch spürte er ihren Fuß, der sein Hosenbein hinaufkletterte.

„Biest!“ Seine Wünsche wirbelten durcheinander.

Mechanisch begann er zu essen.

In seinem Kopf sah er sie – halbnackt unter dem Weihnachtsbaum.

„Wunderbar, euer Kalbfleisch!“, lobte er seine Schwiegertochter. Irgendwie sah sie ihn seltsam an, aber was kümmerte ihn das, wo doch seine Frau gerade so sinnlich an ihrer Sektflöte nippte. Das tat sie absichtlich. Er wusste es!

„Himmel, ich liebe dich!“, flüsterte er ihr zu.

Sie lächelte.

„Liebling! Das ist Seeteufel – aber wirklich sehr gut!“


© Anna