Antje

Antje wird sie gerufen … Tante Antje!

Sie hat einen Vierjährigen an der linken Hand, einen Zweieinhalbjährigen an der andern, und zwei siebenjährige Mädchen umschwirren sie mit ihrem Handgepäck.

Antje erzählt den Kindern eine Pumuckl-Geschichte und hält so den Tross am Laufen.

 

Ihr Bruder, vierzig Schritte vor ihnen, fachsimpelt mit dem Schwager über teure Kameras. Ihre Schwester mit Schwägerin - in Antjes Kopf nur als „die zwei SCHs“ gespeichert - zwanzig Schritte dahinter, über die verlorene Freizeit klagend, weil jetzt diese „Puten“ immer pünktlich zum Schulbus müssen, und wenn sie den verpassen, das Fahren sooo umständlich ist …

Schreckliches Schicksal!

Antje fühlt sich bei diesem Familientango wieder einmal völlig außer Takt. Sie, die dickliche, unverheiratete Tante. Dicklich aus Kummer, nein, nicht aus Kummer, auch nicht aus Frust. Was hat der Kinderarzt damals über sie zu ihrer Mutter gesagt?

„Man kann aus einem Rottweiler keinen Collie hungern!“

 

Alle können alles besser als sie!

Macht sie Bilder, sind die Kommentare von Bruder und Schwager vernichtend:

„Zu flach, falsches Motiv und/oder Scheiß-Belichtung! Quer wäre besser, warum nicht hochkant?“ Oder aber: „Kauf dir mal eine vernünftige Kamera!“

Macht sie das Fleisch, hört sie: „Zu fade! Zu scharf!“ Die Steaks sind zu durch oder zu blutig - zäh allemal.

Gemüse: „Bohnen? Kohlrabi wäre das Richtige! - Igitt Spinat! Wie kann man nur? Brokkoli, das wäre elegant gewesen.“

 

Die Gehälter der Männer erlauben den beiden SCHs ein gelangweiltes Leben in einem schicken Bungalowpark. Tennis mindestens einmal die Woche! Gespart wird höchstens für die Aufnahmegebühr im Golfclub.

 

Heute Morgen, nachdem sie, Antje, das Frühstück gemacht hatte und dann die beiden SCHs mit „Alles müssen wir allein machen“ den Frühstücksfrieden störten, hat sie sich erlaubt, etwas von „Zufriedenheit“ zu sagen und von „tollen Kindern, die das  schönste Geschenk seien“.

Klar, da kam die Breitseite offen und direkt von den SCHs und hinterher die beiden Feiglinge, Bruder und Schwager: „Hab erst mal Kinder, dann kannst du mitreden!“

Vier zu eins.

Ihr die Kinder zu überlassen, damit hatten sie kein Problem, aber die Kinder danken es ihr. Sie kennt ihre Nöte und Freuden besser als ihre Eltern.

 

Die Wandergruppe gerät ins Stocken. Da ist ein Drachenmann aufgetaucht! Er hängt am Drachen und fliegt durch die Luft, um gleich darauf wieder über das Wasser zu flitzen. Den hatten sie doch schon vor einer Stunde gesehen, aber nun flitzt er zum Ufer und lässt den Drachen sterben. Dann steht er am Ufer und spricht mit Bruder und Schwager. Die Männer lachen ausgiebig, boxen sich auf die Brust…

Rein freundschaftliche Männergeste. Die beiden SCHs bekommen Küsschen.

„Martin? Martin!“

Die Girlies rennen auf ihn zu, fassen seine Hände links und rechts, schmiegen sich ohne Scheu an ihn, an seinen nassen Neoprenanzug.

 

Antje fühlt erneut ein Ziehen unter dem Brustbein.

„Ich bin nur zweite Garnitur!“ Eifersucht krampft sich um ihr Herz.

Sie kennt ihn nicht, diesen Martin, nur aus den neidischen Erzählungen der Männer, den schwärmerischen der Frauen. Sie bleibt instinktiv einen Schritt hinter den andern stehen und versteckt sich, um nicht aufzufallen.

 

Die beiden Jungs untersuchen das Kiteboard, den „gestorbenen Drachen“,

und dann sieht Antje, wie dieser Martin sich auf sie zu bewegt, den vor ihrer Brust hängenden Fotoapparat zur Seite schiebt und sie in seine Arme nimmt. Sie fühlt seine Lippen an ihrer Wange, sieht in seine glänzenden, lachenden Augen. Sie spürt den salzigen Geschmack auf ihren Lippen …, sogar auf ihrer Zunge, denn auch sie küsst, küsst richtig.

 

„Antje! Schön, dich endlich kennenzulernen … bin der Martin.“

Sie fühlt seinen festen Griff an ihren Schultern. Seine von Wind und Wasser kalten Finger, lösen ein Frösteln in ihr aus.

Er bleibt bei ihr stehen, sieht ihr unverwandt in die Augen und wispert:

„Die beiden Mädels erzählen mir Antjes „Gute-Nacht-Geschichten“ in ihrer Sprache … ich möchte gern das Original hören!“

 

Sie fühlt erstaunt, wie vier Finger jeden einzelnen Wirbel antippen, so als würden sie einen Gitarrenhals runtersausen und dann, wie sein Mittelfinger am Steißbein einklinkt. Ihr wird heiß, als seine Hand sich sachte, aber bestimmt, um ihre Pobacke legt.

„Beiß mich ins Ohrläppchen, wenn du mir die Geschichten erzählen willst!“ 

Sie beißt, und Martins Hand signalisiert „Autsch! Eigentlich soll das Ohr dranbleiben!“ Ihr Inneres steht in Flammen, und im gleichen Augenblick ärgert es sie, dass sie diesem charmanten, direkten und vereinnahmenden Gehabe erliegt.

 

„Wo wohnt ihr?“

„Okay, das kenne ich - und du?“

„Bei Jørg.“ 

„Jørg?“

„Da vorne ums Eck!“

„Du meinst …?“

„Genau! In den primitiven Strandhütten!“

„Grillen?“

„Klar, bei uns. Wir haben ein CADAC stehen!“

Mit den Worten „Ich bringe den Wein mit!“, klinkt er den Drachen an seinen Gurt und der kleine Lasse sitzt vor Freude quietschend bei Martin auf dem Trapezgurt. Der auflebende Drache hebt beide zwei Fußbreit von der Erde.

 

Antje sieht alles nur bedingt. Erst als ihre Schwester chancenlos protestierend hinter Martin herläuft, muss sie lachen und ertappt sich bei der Vorstellung, an Lasses Platz zu sein.

 

Kurz vor Mitternacht will Antje sich von Martin und dem Rest der Familie mit „Gute Nacht, morgen um Sechs sind die Rangen wieder da!“, verabschieden, aber Martins Augen glimmen ...

„Erzähle mir bitte die versprochene Gute-Nacht-Geschichte!“

Sie sieht, wie Martin zwei Weingläser vom Tisch nimmt und eine, der vorsorglich in einer dunklen Ecke deponierten „besseren Flaschen“ unter die Jacke steckt.

„Wo endet das?“ Antje kann sich die Frage nicht verkneifen. Diese Selbstsicherheit bringt sie aus der Ruhe.

„Im Bett! Früher oder später … allein oder zusammen.“ Lachend legt Martin einen Arm um ihre Schulter, drückt sie nach zwei Schritten in den Schatten der Hecke – und hindurch auf einen kleinen Sandweg zum Strand.

„Meine Schuhe, Jacke…!“

Fast brutal greift Martin ihr ins Haar, zieht ihr den Kopf herum und küsst sie auf den protestierenden Mund, setzt die Kussattacke über das ganze Gesicht fort.

„Komm, fort von hier, Weib! Wir haben Besseres verdient!“

Martin umschließt fest ihre Hand und schleift, zerrt sie ungestüm Richtung Dünen – in denen sie kurz darauf verschwinden.

 

„Wenn du bist, wofür ich dich halte, so werden wir uns heute Nacht schöne Geschichten erzählen … und um Sechs werden dich „die Plagen“ nicht wecken können. Höchstens die Blase wird dich quälen.“

Sie fühlt den noch warmen Sand durch ihre Zehen gleiten, als Martin einfach auf einer Düne stehen bleibt und in eine Mulde deutet.

In dieser verborgenen Mulde, im Windschatten und geschützt von den neugierigen Blicken der Touristen, stehen vier Strandkörbe so eng, dass man nur einzeln durchschlüpfen kann.

„In einem ist es immer windstill!“, lacht Martin. Er öffnet Schubladen und zieht Decken und Kissen heraus … eine Plastikbox und einen wasserdichten Sack.

 

Antje braucht nur Sekunden, um zu begreifen, was Martin vorhat. Und sie greift zu. Greift nach den Decken, den Kissen, den kleinen Lampions und dem Moskitonetz. Antje kennt die Tricks, wie man ein nachttaugliches und mückenresistentes Strandkorbnest baut.

Martin entlockt der Flasche ein sattes Plopp, zaubert aus der Plastikbox köstliche Leckereien, fixiert den Lampion und schließt das Moskitonetz, um zwischen die von Antje hochgehaltenen Decken zu schlüpfen.

In beiden Gesichtern wetteifert der Schalk.

Beide prusten los.

„Bengel!“, quetscht Antje zwischen zwei Hicksern heraus.

„Bengelina!“ Martins Antwort nach dem nächsten Atemholen.

„Oh, das hat Charme - Bengel und Bengelina!“ Und Martin japst weiter.

„Fühl dich überrumpelt, vereinnahmt, fremdbestimmt. Antje, fühl dich alles, was du willst! Bitte nur eines nicht! Fühl dich nicht genötigt.“ Martin hält beide Gläser gegen das Licht der Lampions.

Dunkel, fast mystisch, schimmert das Licht durch die Gläser… eine hellere Aura umhüllt die Kontur der Gläser und ihr Klingen übertönt das ferne Brandungsrauschen.

„Die beiden Mädchen erzählen mir ständig von dir. Von deinen Ideen, von deiner Hilfe. Sie erzählen mehr von dir, als von ihren Müttern. Du bist ihre Leitfigur, und das macht mich neugierig, neugierig auf die Frau, die ‚sich‘ nach Aussagen von deinen Geschwistern ‚nicht verkaufen kann.‘ – ‚Sich nicht verbiegt‘, würde ich eher meinen.“

Inzwischen versteht Antje, wer und was Martin ist, und sie bekommt nach diesem Statement einen Kloß im Hals. Sie dreht sich zu Martin hin, zieht ihre Füße nach und bemerkt, dass die trennende Deckenschicht zwischen ihnen funktioniert.

 

Dieses Omen macht sie mutiger.

„Mein Bruder und mein Schwager bewundern dich, deine Unabhängigkeit, deine Art, dich nicht vereinnahmen lassen.“

„Ich weiß, und deine Schwester und auch deine Schwägerin würden mit mir sofort ein Verhältnis anfangen … versucht haben sie es schon ein paarmal!“ Martin streckt ihr sein Glas entgegen. „Prost auf die Schönheit dieser Nacht …“

„Schau, der große Bär, Kassiopeia und hier, der Polarstern!“ Antjes Arm weist in die Nacht und zeigt ihm die Sternbilder.

Martin bemerkt jetzt auch den Deckenschwindel.

„Geschickt, junge Frau! Gut vorbereitet! Meine Achtung!“

 

Leises Rauschen der mäßigen Brandung, sphärisches Sirren des Windes im Geflecht des Strandkorbes, flackerndes Licht der Lampions und das Knistern beim Griff in die Erdnusstüte.

Aber Antje greift nach Martin, nach seiner Schulter, zieht seinen Kopf in ihren mit Decken gepolsterten Schoß und sich einen Deckenzipfel wie eine Kapuze über Kopf und Schultern.

Sie beginnt eine Geschichte …

Die Geschichte von „Sindbad, des Seefahrers erste Reise.“ Sie erzählt vom Riesenfisch, von den wunderschönen Stuten am Strand und den aus dem Meer kommenden Hengsten.

 

Martin hört diese Stimme, flüsternd wenn es geheimnisvoll wird, tief bei Dramatik, fröhlich plätschernd bei lustigen Passagen, fiebrig bei Angst und fast singend vor Freude.

Längst hat er die Decken zur Seite geschoben … sein Kopf liegt direkt in ihrem Schoß, das Ohr an ihrer Brust, hört er ihre Stimme zweimal. Er fühlt ihre Hand, wie sie sich den Weg zwischen den Decken sucht, sich in sein Hemd schleicht, auf seine Brust - sanft streichelnd. Und Martin träumt, er verwandelt sich in einen Kentaur, sieht sich dem Meer entsteigen. Antje erwartet ihn - eine kentaurische Stute. Er sieht, wie sie über den Strand galoppieren, Kapriolen springen, Pirouetten tanzen, sich beschnuppern, am Widerrist knabbern, vor Lebenslust mit den Schweifen die Luft peitschen… und weiter stürmen, als am Horizont das erste Lichtband die Nacht vertreibt.

 

Antje fühlt das Erschlaffen seiner Arme, den langsamen Atem, sieht in ein gelöstes, entspanntes Männergesicht, ein still lächelndes Gesicht, als würde ein schöner Traum seinen Schlaf versüßen.

Sie hört noch ein paar tiefe Scheufzer von Martin, das Krätzen eines Vogels, leises Rascheln im Strandhafer und dann entführt sie ihr Traum in die zweite Geschichte Sindbads. In ihrer Seele vermischen sich die Szenen aus der Geschichte und Gesehenes von Heute … der Drache. Sie ist an Stelle des kleinen Lasse - von Martin beschützt – beide festgebunden am Fuß vom „Vogel Roch“ über Land, Meer und Inseln schwebend ins Tal der Diamanten.   

 

Irgendwann in der Nacht erwacht Antje. Ihre linke Schulter schmerzt, und sie hat kalte Füße. Sie sieht, dass sich auch Martin frei gestrampelt hat und beginnt, die Decken zu richten.

 

„Pick, pick, pick … Zupf, zupf, zupf… Scharr, scharr, scharr…

Antje breitet ihre Flügel aus. Ein Schubs hier, ein Schubs da. Das Nestchen ist gerichtet, und ihre Lieben sind unter ihren Schwingen gut gebettet!“ Leise fiept Martins Stimme in eigenartigem Singsang, wird nach jeder Wiederholung eindringlicher - fester.

 

Seine Arme legen sich um Antje, drücken sie an sich. Schmusende Lippen kosen an ihrem Ohr, leises Wispern und Flüstern. In ihr breitet sich Wärme aus.

„Wer sucht, der findet, wer lange sucht, weiß wann er es gefunden hat. Ich habe es gefunden.“ Martin versucht,sich unter sie zu drängen, und Antje auf sich zu ziehen. Sie unterstützt ihn.

 

Antje lauscht in die Nacht. Der Wind hat gedreht, die Brandung ist lauter, die Sterne verschleiert, und Martin hat ihr eben eine Liebeserklärung gemacht. Er hat sich zu ihr bekannt.

„Du kennst mich gar nicht, hast mich heute Mittag zum ersten Mal gesehen!“

Und du, kleine Lütje, Kannibalin, wolltest mir nach den ersten Küsschen das Ohrläppchen abbeißen.“

„Und du, Macho, bist den ganzen Abend, wie ein sturmer Kater, um mich herum geschlichen!“

„Und du, eitles Kätzchen, hast den Kater mit deinem koketten Schnurren und Mauzen schön auf Trab gehalten.“

„Und du hast - mit meiner Entführung aus diesem affektierten Serail - Zeichen gesetzt!“

„Und der tiefe Glanz in deinen Augen spricht für dich!“

„Schmeichler! Alter Gaukler, die kannst du bei diesem Licht gar nicht sehen!“

„Oh doch! Und dein sanftes Lächeln auch, und die Weichheit deiner Haut und das Vibrieren deiner Stimme und den Duft deines Körpers. All das nehmen meine Sinne wahr und erzählen mir von dir!“

„Martin, ich genieße es hier zu sein, hier in einem Strandkorb … deiner Strandkorbburg. Ja, ich fühle mich gut, Martin!“

 

Antje öffnet Martins Hemd und legt ihren Kopf, ihr Ohr auf seine nackte Brust, vergräbt ihre kleinen Fäuste in seine Achselhöhlen. Martin fühlt ihren Körper auf seinem liegen, und er hat das Gefühl, endlich wieder für jemanden da sein zu dürfen. Jemanden, der es wert ist.

Er erzählt leise, erst zögerlich, seinen Traum von den Kentauren und von ihrem Liebesspiel beim Erwachen des Tages. Er spürt Antjes Atem über seine Brust streichen, fühlt, wie der Luftzug die Härchen um seine Brustwarzen zum Vibrieren bringt. Sie kitzeln, lösen Lust aus.

„Kennst du die zweite Reise von Sindbad?“

„Nein, mein Liebes!“

Und Antje erzählt eine Mischung aus Traum und Märchen, schlummert beim Erzählen ein und wird durch fordernde Küsse und sanftes Streicheln geweckt.

Martin zeigt gen Osten, und Antje sieht die ersten Zeichen des neuen Tages, fühlt seinen Atem im Nacken und seinen zärtlichen Biss

„Der Stute Widerrist!“, flüstert er mit gepresster Erregung in der Stimme. „Komm, lass uns am Strand laufen … den Sonnenaufgang genießen. Komm, mein Liebes!“

 

Sie schälen sich aus den Decken. Martin sucht in den Schubladen und findet den Sack mit den Ponchos aus Fleece. Der Wind hat sich gelegt, die See fast glatt.

„Es ist ablaufendes Wasser. Komm schnell zur Sandbank.“

Martin ist in einer Minute nackt – greift einfach nach Antje und hilft beim Strippen.

 

Sie laufen los. Martin wirft den Sack in die Luft und schlägt aus Freude und Lust ein Rad und einen Flickflack. Beide rennen ins Wasser, jauchzen und schwimmen los, wie magisch angezogen vom Strahlenband des ersten Lichtes - dem roten Sonnenball entgegen. An der Sandbank steigen sie Hand-in-Hand aus dem Wasser. Noch umspült die See ihre Knöchel, ihre Füße. Der Feuerball ist schon halb über dem Horizont und seine Wärme spürbar.

 

Antje schmiegt sich an Martin, legt einen Arm um seine Hüfte. Mit der anderen Hand umschließt sie seinen Hodensack, schmeichelt seinem Penis. Sie reibt ihn an ihrem Busch, drückt ihn fest gegen ihre Perle, weckt ihn sanft, ruft ihn, appelliert an seine Ehre, der Königin zu Diensten zu sein.

 

Martin kann nur noch reagieren. Er fühlt unbändige Lust in sich aufsteigen, die Lust der Selbstaufgabe. Antjes Gesicht ist Hingabe pur. Seine Hände wandern über ihren Körper, ziellos fast, doch überall, um ihr Verlangen zu gieriger Lust zu steigern.

Sie drängt sich fester an ihn, wispert: „Knie dich hin!“

Er lässt sich sinken, kniet.

Sie drückt seinen Oberkörper nach hinten. „Stütz dich ab!“

Sein Penis, sein Schwanz, steht steif und hart schräg nach oben, dem Licht entgegen.

Langsam geht Antje in die Hocke – behutsam nimmt sie den Sporn in sich auf, fühlt den feuchten - windkalten Stängel in sich dringen. Der Kontrast löst in ihr die letzten Spannungen. Sie verliert beinahe die Besinnung. Ihre Beine geben nach, und das schnelle Füllen ihres Körpers lässt ihre Gefühle eskalieren.

Martin fühlt schockartig die heiße Umklammerung seines Phallus. Für einen kurzen Moment verliert er die Orientierung.

Antje ist auf ihm zusammengesunken, Unverständliches murmelnd. Fest drückt er „seine Frau“ an sich und mit einem Schwung sitzt er auf dem noch vor wenigen Minuten überspülten Sand. Er beginnt zu wippen, und Antje geht mit.

Mit beiden Händen zieht sie seinen Kopf an den Haaren in den Nacken. Wie in Trance:     

 

„Wenn Neumond ist bringen sie die Stuten ans Meer, denn um Mitternacht steigen die schönsten Hengste aus dem Meer.“

Antjes Stimme deklamiert aus Sindbads erster Reise.

 

„Sie paaren sich mit den schönen Stuten, dann, wenn sie niemand sieht, und ein paar Monate später bekommen sie wunderschöne Fohlen!“

Ihr Blick in Martins Augen wirkt hypnotisierend, eindringlich besitzergreifend.

 

„Sie sind so unglaublich hübsch, wie du sie auf der ganzen Welt nicht gesehen hast.“

 

Antje fühlt, wie Martins Ladung in sie übergeht, fühlt mit jedem Stoß, jedem Schub verstärkend, wie Wärme, Innigkeit, wie ein Kribbeln von ihrem Körper Besitz ergreifen, wie ihr Denken und Fühlen mit seinem verschmelzen. Jetzt ist es an ihr, ihn vor dem Wegkippen zu bewahren.

Als beide sich wiedererkennend küssen, steht die Sonne schon eine Handbreit über dem Horizont. Der Buckel der Sandbank ragt nur noch wenige Zentimeter aus dem Wasser. Erste Möwen picken eifrig nach Krebsen und Muscheln.

 

„Wie der große Fisch bei Sindbad!“ Antje ist überwältigt.

„Haben wir in ein paar Monaten ein Fohlen?“ Martin wispert es flüsternd in Antjes Ohr.

Sie schnappt sich mit Lippen und Zähnen sein Ohrläppchen – kneift es.

„Neumond ist erst in sieben Tagen! Nur bei Neumond, und dann ist es auch meine Zeit!“

 

Sie schwimmen durch den Priel zurück, stülpen sich die Ponchos über und wandern wortlos den Strand entlang, wissend dass jetzt für beide eine neue Zeitrechnung beginnt.

Antje kann es nicht mehr aushalten, still zu sein. Stürmisch rempelt sie Martin, schlüpft aus ihrem und unter seinen Poncho, presst sich gegen seinen warmen Körper. Nur ihr Kopf lugt aus der Öffnung. Ihr entfährt ein lustvoller Seufzer.

„Ihr seid immer so warm, ihr Männer!“ Sie stellt sich auf seine Füße und reibt sich an seinem Bauch, beißt ihn übermütig und sanft in seine Nippel. „Das mit dem Fohlen … war das ernst gemeint, oder ein Ausbruch im emotionalen Rauschzustand?“

„Das, mein Liebes, flüstere ich dir in dein Öhrchen, wenn wir am Bein von Vogel Roch hängen. Nachher, wenn wir mehr Wind haben.“

 

Sanft und ohne Kraftaufwand zieht Martin ihre Hand von seinem zur Größe gestreichelten Horn. Ebenso ihren Arm von seiner Hüfte, legt sie um seinen Hals. „Festhalten!“ Er fasst kräftig in beide Pobacken. „Spring!“ und zieht sie hoch, um sie langsam auf sein steifes Horn zu stülpen. „Und dass, mein Liebes, ist die Antwort auf deinen emotionalen Ausdruck der Entzugserscheinung!“

Antje ist nur noch Empfangende. „Rossantilope“ geistert das Kamasutra durch Martins Hirnwindungen, und schon schaukelt Antje mit leisen Gurren in den nächsten Orgasmus.

 

Martin ist weit von einer Erfüllung entfernt. Dieses große, in seinen Armen zuckende, sich windende, üppige Weiberfleisch soll die schüchterne Antje sein?

Er braucht seine ganze Kraft, um sie zu halten … dass sie ihm nicht entgleitet. Noch etwas ist bei ihm zur Gewissheit geworden. Mit ihr wird er schöne Fohlen haben. Euphorisch schreit er es in den jungen Morgen.

„Eine Handvoll… eine Handvoll sollen es sein.

 

Dein Bruder kennt die Strandkorbburg. Lass uns verschwinden.“

 

Antje hilft die Decken, Lampions und das ganze Zeug zu verstauen. Mit einem Reisig verwischen sie ihre Spuren, verschwinden über den Strand und sind nach kurzer Zeit in Martins Hütte. Sie fallen einfach auf die Pritschen und entschwinden gemeinsam in Morpheus Armen. Das letzte, was Antje mitbekommt, ist Martins Genuschel:

„Es ist dreiviertel sechs!“


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„Wir suchen Martin - und Antje auch!“

Zwei hibbelige Kleinmädchenstimmen vor der Hütte wecken beide gleichzeitig.

Jørgs dänisch akzentuierte Stimme belehrt die Girlies,

dass sie erst klopfen und auf Antwort warten müssen.

„Martin, Martin … bist du wach?“, fragt neugierig die eine.

„Antje, ist Antje auch bei dir … sieee ist weg … einfach soooo!“,

verunsichert die andere, das zaghafte Klopfen an der Tür fast übertönend.

 

Während sie sich betrachten,

grinsen Antje und Martin über ihre nicht gerade für den Empfang von zwei sieben-jährigen jungen Damen geeignete Garderobe.

Martins elegantes Abtauchen und wieder Auftauchen mit dem Poncho

zeugt von einer geübten Aktion.

Das aus dem Bewegungsablauf heraus bei Antje geklaute Küsschen ist neu

und noch nicht ganz flüssig.

Mit dem rechten Arm ins Shirt schlüpfend und mit dem Linken die Tür öffnend

gibt er Laut:

„Moment, ihre beiden Puten.“

Es geht ihnen nicht schnell genug, und so ertönt lauter Protest von beiden:

„Puten sind doof … dumm! Wir sind keine Puten, wir sind Adlerküken!

Hast du selber gesagt!“ „Im Moment seid ihr nervende Krähen!“

 

Martin kann sich ein Grinsen nicht verkneifen,

als er die beiden verlegen vor der Tür stehen sieht.

Im gleichen Moment trifft der Blitz der Erkenntnis sein Innerstes:

„Davon willst du eine ganze Handvoll haben!“

 

Und unisono tönen die beiden:

„Auch gut, Krähen sind gescheiter als Adler! Hat die Maus* gesagt.

Antje, noch im Poncho, streckt auch den Kopf durch die halb geöffnete Tür.

„Guten Morgen, ihr beiden!“

 

Verlegenes Kichern.

„Es ist Mittag!“

trompetet es zurück, und neugierig lugen die beiden um die Ecken.

„Habt ihr euch lieb gehabt?

Bei Papa und Mama müssen wir auch immer warten,

bis sie sich wieder etwas angezogen haben!“

„Kommt rein, ihr beiden.“

 

Kennt jemand zwei neugierige, siebenjährige, weibliche Kugelblitze beim Erkunden,

was Tante Antje und Onkel Martin sooo gemacht haben könnten?

 

Als erstes fliegen zwei Paar dieser hässlichen Kultschuhe durch die Bude.

Anschließend purzeln zwei vor Lebensfreude sprühende Mädchen auf die Pritschen,

zerren Martins Poncho aus der Ecke, um hineinzuschlüpfen …

und die eilig darin versteckten Kleider von Antje und Martin fliegen herum.

 

Ergebnis:

Vier kugelrunde Augen, ein nach Luft schnappender Martin

und eine tomatenrote Antje.

„Cool, total cool!“

Imke strahlt und Annika schließt messerscharf:

„Die ist nackt unter dem Poncho!“

und versucht sofort Antje den Poncho hoch zu ziehen.

 

„Seid ihr jetzt auch so was wie Papa und Mama?“

Annika platzt fast vor Neugierde. 

„Noch nicht ganz! Erst ein bisschen!“ versucht Antje zu erklären.

 

„Dürft ihr euch dann nur ein bisschen liebhaben?“

Imke lacht schelmisch und wirft Antjes BH durch die Gegend.

„Wie kommst du darauf?“ Martin gleicht sich Antjes Rotfärbung an.

„Das hat Antje uns selber erzählt …

Nur, wenn man so etwas wie Papa und Mama ist,

darf man sich ganz, ganz fest liebhaben, und dann gibt es Babies!“

„Cool, total cool!“, wiederholt Imke.

„Jetzt müssen wir nur einmal zu Besuch fahren und können euch beide sehen.“

 

Eine pragmatische Feststellung, einhergehend mit dem Suchen ihrer „Crocs“,

und schon sind sie wie der Sausewind wieder verschwunden.

 

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Der Flug mit dem Vogel Roch!



© F. J. Bertuch


 

Einvernehmlicher Blicke …

„Verschwinden wir auch?“ Ein kurzes Nicken und Antjes breites Grinsen bringen Martin zum Lachen. „In Sache Unterhosen können wir Unisex tragen!“

„Und deine Schlabbershirts gehen bei mir als Midikleid durch!“

Sein Freund Jørg hilft weiter:

„Ja, die Sachen sind hier.“

Jørg drückt Antje den Drachen in die Arme und das Gummizeug. Martin schleppt sich ab mit den Boards und Trapezgeschirren. Alles auf einen Bollerwagen und fort damit, nichts wie fort.

Antje ist richtiggehend auf der Flucht, treibt Martin an, ohne zu wissen, was sie erwartet.

Windsurfen kann Antje leidlich. Mit Sprüngen und anderen komplizierten Exerzitien hat sie sich bisher nicht befasst. Dazu bestand keine Veranlassung.

Nach wenigen Minuten hat Martin Antjes Drachen aufgerüstet, sie sich in ihren Aquashell gezwängt und den Trapezgurt umgeschnallt.

 

Und plötzlich ist Martin unerbittlich und durch nichts zu verführen. Ihre kleinen Schmuseeinlagen übersieht er – hat genau da einen blinden Fleck.

 

Jetzt ist er ihr Lehrer. Er zeigt, er trainiert sie. Und noch einmal und jetzt andersrum und Wechseln und Hochziehen und Ziehen und Abheben und Halten und Halten und Schweben und Ziehen und höher und Halten und …

 

Antje schwebt über dem Boden, und Martin hängt sich mit seinem Gewicht an ihren Gurt, lehrt sie steuern … bis eine Windbö sie beide einfach hochhebt, um sie ein paar Meter weiter, etwas unsanft, der Erde zurückzugeben.

 

Jetzt hat Antje Blut geleckt und nun entzieht sie sich Martins Fummelattacken. Ihre kleinen Hüpfer werden weiter, höher, länger und nach zwei Stunden hat Antje Pudding in den Armen und Gummiknie. Sie setzt sich im Windschatten der Düne in eine verlassene Kuhle und sieht „ihren Martin“ fliegen, schweben, durch die Luft segeln – was auch immer.

 

Ihre Fantasie sieht im Drachen den Vogel Roch.

 

Ihr tut alles weh, sie ist müde und hungrig, aber voller Zufriedenheit. Als ob Martin ihren lautlosen Ruf gehört hat, landet er und kommt an Land, kommt direkt auf sie zu. Er öffnet seinen Anzug, zieht ihn von der Schulter … kommt ihr mit nacktem Oberkörper entgegen.

 

Lasziv öffnet sie ebenfalls ihr Oberteil - ihre Brüste, ihren Bauch, ihm und der Sonne präsentierend. Sie versinken in einer Umarmung. Dieser Kontrast, Martins feuchte, windkalte Brust an Antjes sonnenwarme Brüste gepresst, macht beide high, japsend vor Gier und beschert Antje einen kleinen Flash.

 

Hand-in-Hand gehen sie in die Sandburg zurück, ziehen die Sandwiches hervor und futtern wie Verhungernde.

Zwischen den Bissen reden sie: „Deine Leute sind da vorn, bei den Fressbuden!“

„Wenn ich jetzt jemanden nicht ertragen kann, dann sind es die beiden SCHs!“ brummelt Antje.

In Martins Augen glimmt der Schalk. „Eifersüchtig wegen der Baggerversuche?“

Antje guckt verdutzt und antwortet mit einem glockenhellen Lachen:

„Ja, ein wenig, - sogar ein wenig viel!“ Ihre Schultern zurücknehmend und sich rückwärts auf den Ellenbogen abstützend, verkündet sie: „Sollte ich eine der beiden beim Baggern erwischen …!“ Jetzt ist Antjes Blick voller Humor und Schalk. „… ersäufe ich sie in diesem Priel … eigenhändig!“

 

Martin wird kribbelig. Antjes Unterleib im engen, schwarzen Gummizeug, die weibliche Figur betonend … und vom Nabel aufwärts, weiblich-nacktes Fleisch mit zwei herrlichen Brüsten, anmutig präsentiert. Ihre rötlichbraunen Haare von Wasser und Wind wild zerzaust, legt sie sich langsam in den Sand … die Arme über den Kopf verschränkt. Der zu mehr auffordernde Luftkuss gibt ihm den Rest, und Antje genießt die rücksichtslose Lustattacke begeistert.

… bis … das Kichern der zwei Mädchen unüberhörbar wird. Imke und Annika stehen am Rand der Kuhle, um, als Martin und Antja hingucken, mit einem Freudenschrei hineinzukullern.

 

Die zwei Mädels erzählen atemlos … hier entwickeln sie schon beachtlich weibliche Fähigkeiten, und Antje stachelt sie weiter an. Martin hört nur fröhliches, sich fast überschlagendes Gekicher, hibbeliges Gegacker, Hüpfen und Springen von einem Wort zum andern. Sein Blick wandert über das Wasser, und seine Gedanken schweifen in die Zukunft.

 

Antje ist seine Zukunft, er braucht keine Zeit mehr, sich zu prüfen. Er weiß es. Einzig negativer Punkt ist, dass sie eine halbe Tagesreise von ihm entfernt wohnt. Noch!

 

Draußen, zwischen den Brandungsgürteln, sieht er die schnauzbärtigen Köpfe der Seehunde, wie sie - in sicherem Abstand - die tollpatschigen Menschen bestaunen.

 

„Martin … Martin, erzähl du uns mal eine Geschichte!“

Die beiden „Krähenkücken“ haben sich in die Arme ihrer Leihglucke geschmiegt, ihre Köpfe halb auf Antjes Brüsten. Drei herausfordernd freche Grinsen strahlen ihm entgegen, allen voran das „seiner Antje“!

 

Martin legt seinen Kopf in Antjes Schoß, kuschelt sich so in den Sand, dass sein Hinterkopf auf ihrem Schambein liegt und beginnt.

 

„Kennt ihr die Geschichte von den Selkie?“

 „Nein… Nein!“, ein in heller Freude kreischendes Nein.

 

„Oben im Nordmeer …“, beginnt Martin, „… leben viele Seehunde. Dort nennt man sie Robben. Dann gibt es noch eine ganz alte Sprache, und da werden sie Selkie genannt.“

 

Und Martin erzählt wie die Selkiemädchen an den Strand robben … flüsternd und geheimnisvoll schildert er – springt auf, um mit pantomimischen Gebärden das Abstreifen der Selkie-Haut zu zelebrieren, indem er seine Hose aus Aquashell auszieht. Er preist die Schönheit der Frau, die zum Vorschein kommt, die entflammte Liebe des Fischers, der sie sieht und von ihr geblendet ist. Er beschreibt, wie der Fischer der Selkie ihr Robbenfell wegnimmt und sie so nicht mehr zurück kann, und dann, wie sich auch die Selkie in den Fischer verliebt und bei ihm bleiben möchte.

 

Martin kann nicht weiter erzählen. Die beiden Mädchen übernehmen die Regie. Also, Antje hat ja auch so eine Hose … so ein Robbenfell an, das muss man jetzt auch ausziehen, sonst ist sie ja nur eine halbe Frau‚ und dann wird Martin zum Fischer und Antje zur Selkie, und verliebt sind sie ja auch, und so hat für die zwei Krähenkücken die Geschichte ein reales Happyend.

 

Die beiden davonstiebenden Mädchen hinterlassen eine Sandwolke. Diese Geschichte müssen sie sofort ihren Brüdern erzählen.

Die Ruhe in der Kuhle ist für die Zurückbleibenden fast ein Schock.

Martin muss sich jetzt bewegen, etwas tun. Unbedingt! Sonst fällt er über Antje her, was nicht so der Hit wäre, oder zu Jørg laufen, um den ganz großen Drachen holen. „Ich habe so eine Idee! Wir versuchen zusammen zu hopsen …“ Und weg ist er.

 

Antje fühlt die Sonne auf ihren Brüsten, ihren Schenkeln und gibt sich ganz den neuen Gefühlen hin. Vor ungefähr 24 Stunden ist Martin in ihr Leben getreten.

Ab da war alles nur improvisiert und einfach schön, so schön wie seit … ihre Gedanken driften weg.

Sie stellt sich ein Leben mit Martin vor … er im Süden, sie im Norden - und eine leise Traurigkeit umfängt sie. Bilder tauchen auf: Sindbad an einem Bein von Vogel Roch festgebunden und Martin am anderen Bein. Der Drache von eben wird zum Vogel Roch, und er wird immer größer, mächtiger und dann sieht sie sich hoch über dem Strand schweben - dem Zwang entflohen.

 

Instinktiv, als ob der Wind ihr eine Witterung zuträgt, greift sie nach Martins T-Shirt, zieht es über und richtet sich auf. Sie sieht die beiden SCHs zielstrebig auf ihre Sandburg zustampfen.

„Hoppla, Zickengewitter im Anmarsch!“, zuckt es durch ihre Hirnwindungen.

Außer Atem legen sie los. Ohne Gruß prasseln Vorhaltungen auf sie nieder.

Ihre Schwägerin schwadroniert von Pflichtverletzung, mangelndem Verantwortungsbewusstsein. Der Rest geht akustisch unter, als ihre Schwester ihr vorwirft, sich den Kindern sexistisch gezeigt zu haben.

Ha!

„Hast dich nach Hurenart an den Martin rangeschmissen, und der arme Kerl muss gute Miene zu deinem bösen Spiel machen. Er hat wohl Angst wegen meinem Mann und unserem Bruder!“

 

Zum ersten Mal in all den Jahren muss Antje lachen, nicht lächeln, nein, richtig laut lachen.

„Verschmähte Zicken“, die Wörter liegen schon auf der Zunge, als die beiden Mädchen an ihren aufgelösten Müttern vorbei in die Kuhle rollen und bei Antje andocken.

„Erzähl uns die Geschichte weiter – von den Selkie!“

 

Martin muss die letzten Worte wohl mitgehört haben.

„Wir holen nachher, nach dem Essen, Antjes Sachen!“ Und in weiser Voraussicht ergänzt er: „Die Mädels bleiben übrigens bei uns, solange sie möchten!“

Martin steht zwischen den beiden Frauen, legt ihnen seine Arme um die Schultern.

„… und damit das klar ist zwischen uns: Ich habe Antje – und Antje hat mich verführt.“

Er lässt beide los und gibt ihnen synchron einen Klaps auf den Po.

„Und jetzt lasst uns allein - bis nach dem Essen!“

 


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Erneut kuscheln sich die Mädchen an Antje und wollen eine neue Geschichte hören.

„Habt ihr schon vom Vogel Roch gehört?“

Kopfschütteln und große fragende Augen.

„War das der Vogel, mit dem Sindbad geflogen ist?“,

fragt Martin mit leiser werdender Stimme.

Und Antje beginnt zu erzählen, wie Sindbad vergessen wurde,

wie er das große Ei vom Vogel Roch entdeckt

und sich am anderen Morgen am Bein des Vogels festband.

 

„So wie Martin an seinem Drachen?“

Imke strahlt, die Parallele gefunden zu haben.

„Ja, wie Martin und sein Drachen!“

 

Antje erzählt von einem Schatz aus glitzernden Edelsteinen

und von den vielen Schlangen, die diesen Schatz bewachen.

Dann noch vom Vogel Roch,

der diese Schlangen zum Fressen gern hatte und wie Sindbad sich retten konnte.

 

„Dürfen wir mitfliegen zu der Insel?“

Die Mädchen wollen sofort auf Schatzsuche gehen.

Martin kramt in seiner Tasche.

„Ich habe schon ein paar Edelsteine gefunden, hier am Strand.

Bei uns hier an der Nordsee ist das der Bernstein.

Kommt wir gehen suchen!“

Mit Martins Hilfe finden die Mädchen Edelsteine.

Es wird schon recht kühl, als Antje und Martin sie bei den Eltern abliefern.

 

Die Atmosphäre beim Packen von Antjes Sachen ist frostig,

und die beiden SCHs keilten, wie das verschmähte Zicken eben so tun.

Bruder und Schwager nehmen es gelassener.

 

Martin hat schon einen fertigen Plan

für den Zeitraum von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang.

„Wann schlafen wir denn?“

Antjes Frage verunsichert Martin.

„Ich meine den Schlaf,

den wir brauchen, um den morgigen Tag zu überstehen?   

Lass uns in die Dünen gehen – wie letzte Nacht!“

Antje flüstert Martin den Vorschlag ins Ohr.

„Ich erzähle dir auch eine Geschichte von Sindbad!“, lockt sie.

 

Schnell verstauen sie Antjes Sachen in der Hütte,

flanieren in den Ort zum Einkaufen, zum Essen und Bummeln,

und kurz nach zehn Uhr richten sie die Strandkörbe

erneut zu einer Schlafburg her.

 

Martin ist so nervös, wie die Mädchen heute Mittag.

Er kann sich nicht erklären, welcher Wandel mit ihm - in ihm,  

in den letzten dreißig Stunden stattgefunden hat.

 

Antje sei, das hört er, solange er ihren Bruder kennt, eine Landpomeranze.

Ein Mauerblümchen.

Ihre Schwester hält sie für ein vergessenes Langeweilchen!

 

Aber er sieht sie,

zwischen all den geschniegelten, gestylten, überdrehten Menschen als ruhenden Pol,

mit Kindern, die von ihr Kraft beziehen.

Wie sie ihn mit ihren grünen Augen fixiert, ihn magisch anzieht -

einem starken Magneten gleich.

Wie sie ihn in ihre Arme nimmt, ihn hält, als wollten sie sich lieben …

Wie sie ihn Worte sprechen lässt,

Worte, die er einer Frau gegenüber so noch nie verwendet hat,

ihm eine Nacht und einen Tag schenkt, der an Erfüllung,

an sinnlicher Dichte eine wahre Herausforderung ist.

 

Wie er durch sie erneut zu einem Jungen wird, einem Jungen,

der fasziniert einem Märchen lauscht,

um es ein paar Stunden später wahr werden zu lassen,

und sie, seine Stute, als feuriger Hengst auf einer Sandbank zu decken!

 

Martin fühlt instinktiv, dass er gefunden hat, wonach er suchte.

Die Art, wie Antje sich seiner Obhut anvertraut,

und er ihr - ohne Scheu - seine weiche Seite zuwendet,

sich, den Mädchen gleich, in ihre Arme legt,

um mit ihr gemeinsam stark zu sein. Sie ist ihm Stütze,

sowie auch er ihre Unsicherheit heilt.

 

Auch Antje fühlt in ihrem Innern eine Fülle an Wärme,

wie sie es noch nie erlebt hat.

Als Martin sie unter den Decken in seine Arme schließt

und ihre Beine ihn umfangen,

ist es kein heißer, triebiger Sex.

Es ist die tiefe Sehnsucht nach Schweben,

nach Treiben in Strömen von Gefühl, das Verlangen,

sich zu reduzieren auf die Empfindungen im Bauch,

im Körper, in den Gedanken, der Wunsch nur noch zu empfangen.

Sie wispert, flüstert ihre Sehnsüchte in die Nacht,

die nur Martin versteht, der sich konzentriert,  

ihr zu geben, was sie braucht.

 

In dieser Nacht unterbricht die Lust ihren Schlaf noch zwei Mal.

In dieser Nacht dreht der Wind noch zwei Mal.

In dieser Nacht beschließen die beiden, den Weg gemeinsam zu gehen

- wegzugehen –

die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

 

Sie beginnen mit dem Aufräumen der Strandkorbburg

und dem Räumen der Hütte.

Frühstück gab es schon auf der Fähre.

Irgendwo im Fjäll, nahe an der norwegischen Grenze,

richteten sie Martins Bulli für die Nacht ein, als das Smartphone piepste:

 

„Schwesterherz!

Egal wo ihr seid, ihr beide habt es verdient euch zu finden.

Bruderherz!

 

Die SMS war schon vom frühen Mittag, das Funksignal aber erst jetzt vorhanden.

 

Die Blätter an den Bäumen färben sich.

Die Tage werden kühler, so wie die Nächte es schon länger sind.

Tag- und Nachtgleiche ist vorbei.

 

„Nur bei Vollmond … und dann ist auch meine Zeit!“ 

Martin hat diese Aussage noch zweimal hinterfragt, und Antje bestätigt sie.

Der Vollmond kommt wie seit Tausenden von Jahren,

und Antje, im Einklang mit ihrer Seele, ihrer Weiblichkeit

und der tiefen Liebe in sich, genießt die empfangsbereite Phase

- und beide nutzten diese Zeit.

 

In den Herbstferien sind Annika und Imke zu Besuch.

Sie werden die Brautjungfern sein – am ersten Advent.

Eifrig helfen sie Antje, an ihren Kleidchen zu nähen und hängen an ihren Lippen.

Als Antje mit tiefer Stimme die Spannung erhöht und …

„Sesam öffne dich!“ deklamiert, stechen sich beide vor Aufregung in die Finger.

 

„Kennt ihr Dornröschen? Ihr ist das auch passiert!

– erzähle ich euch nachher –

vor dem Schlafengehen.“

 

©S’Rüebli                                                                               Ihre Meinung?