Unruhig Herz




 

Es war eine verrückte Idee, jetzt, bei Minustemperaturen, auf das Moppet zu steigen und loszufahren. Die Straßen waren zwar trocken … was aber wenn sich Glatteis bilden würde? Doch sie musste raus, einfach weg, raus aus ihrer Wohnung. Wie zu vermuten sprang ihr Bike nicht gleich bei der ersten Umdrehung an. „Komm schon!“,dachte sie. „Lass mich nicht im Stich!“ Sie konnte aufatmen. Die Maschine sprang an, und nach einigen unruhigen Minuten hörten sich alle Zylinder gleichmäßig an. „Unruhig – wie mein Herz – eh?“ Sie fuhr los – in die Nacht!

 

Natürlich hatte sie sich entsprechend gewappnet. Der Thermoanzug war klasse. Dumm nur, das die beheizten Griffe nicht funktionierten. So war es kein Wunder, das ihre Hände kalt wurden und bald völlig gefühllos. Das Kuppeln wurde problematisch, das Bremsen auch, sie musste anhalten – aber wo?

 

Unbewusst war sie eine alte Strecke gefahren. Hier hatte früher ihr Traummann gewohnt. Vielleicht war es ja doch nicht so unbewusst passiert? Egal – die nächste rechts hinein und dann, wie damals gewohnt, unter den alten Baum, auf den Gehweg. Der Gehweg war hier breit genug. Nun hieß es auftauen!

 

Ihre Hände schmerzten. Sie mochte keinen Finger mehr bewegen. Automatisch klappte ihr Bein den Seitenständer hinunter. Sie benützte die Ellenbogen um den sicheren Stand zu überprüfen. Dann steckte sie ihre Hände mit den Handschuhen tief in die Seitenverkleidung, um so die aufsteigende Wärme vom Motorblock aufzufangen. Das Gefühl kam zurück mit noch mehr Schmerzen.

 

„Bekloppt – aber sie musste ja unbedingt bei dieser Kälte los!“ Ihr Herz hatte es befohlen.

Die Schmerzen in ihren Händen waren weit angenehmer, als die Schmerzen, das ein solch unruhiges Herz verursachte. Warum musste sie noch immer an ihn denken? Gab es einen Tag an dem sie es nicht tat? „NEIN!“ Ein paar Minuten vielleicht, aber dann … wurde sie wieder an ihn erinnert. Ein Musikstück, das ihm gefallen hätte, oder sie ging unter die Dusche, und er war schon dort. Sie ging einkaufen, er war dort. Kein Wunder! Er war doch tief in ihrem Herzen. Ein fester Bestandteil von ihr. - Wie sollte sie ihn da nur herausbekommen?

 

Das Schlimmste aber war, dass real zwischen ihnen gar nichts gelaufen war. Und doch spürte sie, wie sehr sie ihn vermisste, wie stark sie sich nach ihm sehnte, ihn wenigstens sehen wollte, seine Stimme hören, besser noch sein Lachen. Sie wollte bei ihm sein, nur um ihm nah zu sein. Das alles fühlte sich ziemlich real an. „Warum nur? - Warum er? - Sah er sie überhaupt? - Nein, sonst wären sie doch zusammen! Oder gab es andere Gründe dafür, dass sie allein war? - Egal – denn es würde nichts ändern. Sie war allein.“

 

Sie rauchte nicht – er schon! Doch heute war der Zeitpunkt, da wollte sie es – nach Jahren mal wieder. Sie hatte sich auch schon einen Joint organisiert. Also zog sie ihre Handschuhe aus, nahm vorsichtig ihren Helm ab, fingerte und fand in ihren Taschen wonach sie suchte. Das Feuerzeug funkte, doch die Flamme blieb aus. Nochmal – nichts! Ihre Hände waren noch immer viel zu kalt. Ernüchtert steckte sie die Materialien zurück. Sie öffnete ihre Thermojacke, klemmte die Hände unter die Achseln. Die Kälte kroch durch die Öffnung aber immerhin wurden ihre Finger wärmer. Ihr Kopf wurde kalt, also kauerte sie sich über die Öffnungen von ihrem Bike. Ein warmer Hauch – wie schön! Fast wie ein Atemzug.

 

Wie lange sie verharrt hatte war ihr nicht bewusst, sie spürte nun keine Kälte mehr. Alles war wie betäubt. Sogar ihr Herz war ruhig – wie angenehm! Und dann kam er! Natürlich! Er war ja immer da wo sie war. Er sah sie vorwurfsvoll an, half ihr von dem Bike und nahm sie mit in seine Wohnung.

„Was machst Du nur?“, wollte er wissen.

„Deine Nähe suchen!“ gab sie benommen zur Antwort. „So wie immer!“

„Werde bitte wach! Bei dieser Kälte da draußen – willst du etwa sterben?“

Waren es seine Worte oder die Wärme seiner Wohnung? Der Schmerz kam zurück. Sie hörte kaum, was er ihr noch alles erzählte. Es war viel zu warm. Sie sprang auf und ging in Richtung Balkon. Er nahm eine Zigarette, zündete sie sich an und folgte ihr. Sie sah ihr Motorrad aus einer völlig neuen Perspektive unter dem Baum stehen.

 

„Da!“ Er bot ihr an zu rauchen.

„Nein, danke! Ich rauche doch nicht.“, lehnte sie empört ab.

Seine erhobenen Augenbrauen zeigten ihr sein Erstaunen. Ihre Antwort schien ihn sichtlich zu  überraschen.

„Und was waren dann bitteschön deine Versuche vorhin dort unten  -  mit dem Feuerzeug?“, wollte er wissen.

Er hatte sie also gesehen? Nein – im Grunde nicht sie, aber das mehrmalige Auffunken ihres Feuerzeugs. Irritiert schaute sie ihn an. Konnte sie es ihm sagen? Na, ja im Grunde wusste er es doch schon. Schließlich war er Teil ihres Herzens. Was also hatte sie zu verlieren?

„Also - ich wollte mir einen durchziehen!“, gestand sie ihm leise.

„BITTE - was?“

„Na einen Joint!“

„Das glaube ich jetzt nicht!“

Sie lief zurück in seine Wohnung. Als sie erneut auf dem Balkon herauskam hatte sie tatsächlich einen Joint in der Hand.

„Wahrscheinlich war es gut, dass das Feuerzeug nicht funktionierte. Normalerweise sind Drogen und Motorradfahren für mich ein No-Go! Vielleicht konnte ich ihn deswegen nicht anzünden?“

„Da!“, sie hielt ihm den Joint hin. „Wenn du möchtest?“

Skeptisch betrachtete er den Joint in ihrer Hand. Es erschien ihr, als wären es Stunden. Zögernd nahm er ihn entgegen, nur um  ihn in seiner Hand erneut zu betrachten. Er roch dran und blickte erstaunt zu ihr hinüber.

„Wow, so stark?“

„Denke schon!“, erwiderte sie. „Wenn schon denn schon!“ Es sollte mal so richtig knallen, dachte sie bei sich.

Er zündete ihn an und machte einen besonders tiefen Atemzug. Sie sah, was sie bei allen Rauchern sah. Den tiefen inhalierenden Zug, Pupillen die sich kurz vor Sehnsucht weiten um dann genussvoll zu entspannen. Der Nikotinkick schlug zu. Hier aber kam noch ein anderer Kick hinzu. Deutlich konnte sie die starke Wirkung spüren. Es roch nach Gras. Erneut hielt er ihr die Zigarette hin.

„Du kannst bei mir übernachten – falls du magst!“, bot er ihr an.

Diesmal zögerte sie nicht.

Oh ja, die Mischung war gut und das, obschon sie nur paffte. Auf Lunge gezogen musste es um einiges mehr knallen. Aufmerksam beobachtete sie ihn bei seinen Zügen. Es war schön so dicht neben ihm zu stehen, derart relaxt seine Nähe zu genießen. Es war so vertraut, als hätten sie schon häufiger so gestanden, als wären sie seit Jahren eng befreundet.

 

„Was ist?“, fragte er.

„Nichts! Es ist nur … also, was wir zwei hier nun tun, gehört genau zu den Dingen, von denen ich nicht mal zuträumen gewagt hätte. Andere Sachen schon, … aber das, was wir nun tun – so etwas Anwegiges bestimmt nicht.“

„Du hast Dinge über mich erträumt - UNS? Was genau?“

Sie war wie erstarrt. Was hatte sie ihm da bloß verraten, und warum musste er nun so direkt fragen? Wieso kam ihr die Realität - jetzt mit ihm hier zu stehen - mit einem Mal so unwirklich vor? Warum wurde ihr schwindelig bei dem Gedanken, dass er nun wusste … von ihren Träumen?

 

Nein! Eigentlich wusste er nichts, aber sie, sie hatte mit einem Schlag das Gefühl, er könne alles erahnen. Und bei dem Gedanken, er könne nur annähernd in die richtige Richtung denken, wurde ihr mulmig und heiß zugleich. Da stand er dicht neben ihr, und sie konnte ihn sehen, riechen. Er wirkte  auf sie verdammt attraktiv, anziehend. Genauso, wie in ihren … Gedanklich überflog sie ihre Träume. „Oh nein! Wenn er wüsste wie heiß und oft sie in ihren Träumen … Was für Dinge sie  … Welche Stellungen … Die vielen Orte! UNMÖGLICH!“ Sie konnte es ihm einfach nicht sagen. Es schnürte ihr die Kehle zu.

 

Was er nun sah war eine Frau, die sich auf dem Absatz umdrehte und in seine Wohnung entschwand. Mist! Er hatte überzogen, er hofft nur, sie würde nicht abhauen. Hastig drückte er den Rest der Zigarette aus um ihr zu folgen. Als er in sein Wohnzimmer kam, hatte sie sich zum Glück nur auf seiner Couch ausgestreckt.

„Das geht nun aber nicht, das ist mein Platz.“, flaxte er erleichtert. 

Zu seiner Enttäuschung machte sie sofort Anstalten den Platz zu räumen.

„Nein, bleib!“, forderte er sie hastig auf, aber sie lehnte sein Angebot ab, und so kam er nun doch, wie gewohnt, zu liegen. Er spürte wie der Joint wirkte und schloss seine Augen. Wie gerne hätt er sie nun dicht bei sich gehabt, in seinen Armen gehalten.

 

 

Wie friedlich er da lag. Warum machte seine entspannte Haltung sie derartig an? Warum wirkte es so verlockend wie er so dalag?

„Du wolltest von meinen Träumen wissen …“ fing sie zögernd an.

„Hm hmm!“, bejahrte er ohne dabei seine Augen zu öffnen. 

„Es waren so viele Träume! Ich weiß nicht recht, wo ich anfangen soll, welche ich erzählen …!“, wich sie aus.

„Welche haben dir besonders gefallen? Fang einfach mit den schönsten an.“, schlug er vor.

„Den schönsten? Es waren mehrere … mal sehen …“ Ihre Stimme wurde leise, sie kam näher. „Mit welchen fange ich an? Ah, ich hab’s!“, meinte sie. „Da komme ich aber besser näher heran, es soll ja schließlich keiner mithören.“

 

Wie nah sie ihm nun war. Er konnte ihren Atem spüren und es gefiel ihm, was er fühlte. Ihre Stimme wurde derweil noch leiser. Er musste sich auf das konzentrieren, was sie in nun in sein Ohr flüsterte und fühlte sich plötzlich erotisch angespannt. Gefangen in dem Augenblick der Entscheidung – was würde weiter passieren? Unwillkürlich schluckte er. Wie sollte er sich jetzt verhalten? Er entschied erst einmal abzuwarten. Die unglaublich prickelnde Situation einfach nur zu genießen. Und doch hätte er sie am liebsten einfach genommen, sie an sich gezogen, ihr die Kleidung vom Leib gerissen um dann …. Verdammt! Er musste sich beherrschen. Alles andere wäre das sofortige Ende – oder? Auf keinen Fall wollte er das riskieren.

 

Sie hatte sich inzwischen zu ihm auf die Couch gelegt. „In einem meiner Träume lagen wir dicht nebeneinander – so wie jetzt …“, meinte sie.

Er öffnete seine Augen, sah sie an.

„Du hattest die Augen geschlossen …“

Er verstand, spielte mit und schloss sie sofort wieder.

Sie war erleichtert. Seine Nähe, die Tatsache dass sie an ihn gekuschelt lag, all das war atemberaubend. Nun konnte sie ihn in Ruhe aus der Nähe betrachten. Es war beinahe so als ob der Traum für sie in Erfüllung ging. Nicht ganz! Im Traum  hatte sie ihn über sein Gesicht gestreichelt. Sollte sie? Sein drei Tage Bart reizte. Waren seine Bartstoppeln hart oder weich? Sie sahen wie beides zugleich aus. Ihr Zeigefinger wagte sich langsam vor, und sie fühlte sich wie ein kleines Kind, das auf Erkundung geht. Vorsichtig näherte sie sich seinem Mund. Ob er wohl zuschnappen würde, wenn… es sah alles sehr ruhig aus.

 

Vielleicht war es genau das, was sie beunruhigte? War es die Ruhe vor dem Sturm? Aber sie musste es wissen. Hart oder weich? Beides? Wie konnte das sein? Das gab es doch nicht. Weitere Finger folgten, wollten das Ergebnis des ersten überprüfen. Seine Stoppeln fühlten sich angenehm weich an und doch auch hart. Irre, waren das Auswirkungen des Joints? Inzwischen war es ihre ganze Hand, die wie selbstverständlich, an seiner Wange entlang fuhr.

 

Sie folgte den Konturen seines Gesichtes, von den Wangen über sein Kinn bis hin zum Hals. Streichelte seine Augenbrauen bis zur Schläfe. Sie zeichnete die feinen Linien auf seiner Stirn nach. Wusste er, wie schön er war? Nun kamen seine Lippen. Wie weich sie sich anfühlten. Unglaublich! Unglaublich auch, dass er nach ihren Fingern geschnappt hatte! Für ein paar Sekunden war ihr Finger, war sie gefangen  – in seinem Mund. Doch ließ er sie sofort wieder frei. Würde er erneut? - Oh ja! Es entwickelte sich ein Spiel.

 

Als er bei der nächsten leichten Berührung auf seiner Wange seinen Kopf seitlich neigte um ihre Finger zu jagen, bemerkte er, dass es diesmal ihre Lippen waren. Er war in einen Kuss hineingerauscht wie in eine Falle, aber ihre Zungen fanden sich und schienen im Kleinen zu proben was im Großen alles möglich war. Also jetzt – jetzt konnte er nicht mehr. Beide Hände griffen gleichzeitig zu, zogen sie dicht an sich heran, streichelten ihren Körper entlang, abwechselnd sanft und doch auch fordernd. Er wollte sie … riechen, kosten – sehen!

 

Er öffnete die Augen und sah eine fantastisch aussehende Frau ... mit nacktem Oberkörper. Wann hatte sie …? Egal! Wie sehr hatte er dieses erregende Gefühl vermisst. Was dann kam, war erstaunlich – folgerichtig zwar, aber trotzdem unglaublich! Sie lagen nackt aneinander gekuschelt, und er spürte ihre Hitze, ihre Feuchtigkeit – die Sehnsucht - brennendes Verlangen. Flammen schlugen über, entzündeten ihn, als er eintauchte. Endgültig wusste er nun: Sie gehörten zusammen. Er war Zuhause! Zuhause in ihr. Glühende Begierde. Er war am Ziel – beinahe. Nur noch ein kurzer Moment … dann … JETZT!

„Ich, ich …  liebe Dich!“

 

Licht! Helligkeit! Wärme - und dann - Dunkelheit.

 

 

Weiße Narzissen!

Ihm war, als käme er langsam aus einem komaähnlichen Zustand zu sich.

Als er erwachte, lag er im Bett. Benommen stellte er fest, dass es nicht sein eigenes war. Auch nicht seine Wohnung. Wo, zur Hölle, war er? Neben ihm auf einem Nachttisch stand eine schmale Vase mit einer weißen Narzisse.

 

„Oh, Sie sind erwacht!“

Wieso Sie?

Das war doch …Erschrocken stellte er es fest: Er war in einem Krankenhaus. Was war da bloß passiert?

„Sie hatten ein leichtes Kreislaufproblem!“, erklärte eine durchaus hübsche Krankenschwester süffisant. Bildete er es sich das nur ein, oder hörte er einen tadelnden Ton in ihrer Stimme? Richtig, denn als nächstes kam der Vorwurf:

„Wie konnten Sie nur? Wie kann man in Ihrem Alter noch so unvernünftig sein und …“

„Sex haben?“ unterbrach er sie.

Sie stockte verwirrt. „Drogen nehmen!“ beendete sie ihren Satz streng und musste dann doch grinsen.

Und ihm ging schon wieder ein Licht auf.

 

© Azraela

 

 







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