Weihnachten im Schuhkarton

Das zweite Weihnachtsfest nach dem Tage Null, dem Tage, wo meine Lisa auf die große Reise ging, kündigt sich mit allen möglichen Stilmitteln machtvoll an. Die Leere ist auch heute noch jeden Tag anwesend und erzeugt eisige Kälte, schmerzen tut sie nicht mehr. Die Zeit der Trauer wird durch meinen Lebenswillen begrenzt. Nur die Leere und die damit verbundenen Leerläufe bedrücken mich. Ich muss mich zu Handlungen zwingen, die mir früher wie selbstverständlich von der Hand liefen.

Es ist Ende Oktober und bei Gertrud im Musikgeschäft liegen die Flyer für „Weihnachten im Schuhkarton“ aus. Eine Aktion die Lisa seit über einem Jahrzehnt mit großer Energie durchzieht. Ohne zu wissen warum, stecke ich mir so ein Flyer ein, um am viertletzten Tag vor Annahmeschluss in Hektik zu verfallen. „Das bist du Lisa schuldig!“, grummelt es in meinen Gehirnwindungen.

 

Dirk, im Sportgeschäft, fischt mir zwei stabile Schuhkartons aus dem Papiercontainer und im nach vorne Gehen erzählt er, dass er seiner Tante auch schon zwei Kartons gebracht hätte. Kathi, die Bedienung, hört Bruchstücke von unserem Gespräch und indem sie eine Windjacke verpackt erzählt sie, dass ihre Mutter es auch schon Jahre macht. „Wovon sprechen Sie?“ Erst jetzt  bemerke ich die Frau – Dame - neben uns, deren Windjacke von Kathi verpackt wird. „Was ist „Weihnachten im Schuhkarton“?“

Unsere Blicke müssen auf sie belustigend wirken, denn sie beginnt zu lächeln … zu lachen. „Entschuldigung, aber Sie sprechen so enthusiastisch davon … verpasse ich etwas?“

 

Zehn Minuten später verlassen wir Dirks Geschäft. Sie hat neben ihrer Windjacke noch zwei Schuhkartons in der Tüte und meinen, schon etwas ramponierten Flyer.

„Mein Wagen steht oben an der Kirche!“ Ihre Stimme klingt einladend. „Danke, ich wohne am Festhallenplatz, und ich will schon erste Sachen kaufen!“ Wir wünschen uns viel Erfolg und Freude beim Bekleben und Füllen der Kartons und besinnliche Adventstage, die ja schon übernächste Woche beginnen.

 

Das Bekleben der Kartons ist der einfachste Akt. Für mich bekanntes Terrain. Das Füllen – Oh Gott. Für einen Jungen – ok, das könnte ich noch schaffen, aber für ein fünf- bis neunjähriges Mädchen? Ich habe ja nur Enkel, eine Enkelin ist zwar angekündigt, aber noch nicht da.

 

Ziemlich ratlos tigere ich nachmittags durch das Kaufhaus. In der Spielzeugabteilung sehe ich zwei Jungs – hm, könnten so neun sein. Ich zeige ihnen den Flyer. „Jungs, könnt ihr mir helfen – wie alt seid ihr, habt ihr ein paar Minuten Zeit?“ Die Zwei beraten kurz. Ja, können sie, denn die Oma des Größeren macht das auch, und er geht auch immer mit ihr mit einkaufen, als Berater. Mit einem Grinsen voller Schalk, „Und nachher Eis-Essen!“ - „Abgemacht inklusive Eis-Essen.“

 

Also, sie wären schon Elf … beinahe, und ist es für einen oder für zwei Jungs? Keine zehn Minuten später stehen wir drei an der Kasse. „Das haben Oma und ich auch gekauft!“ 27,45 € muss ich bezahlen. Die beiden lotsten mich um drei Ecken ins Cortina, die einzigen Eisdiele, die das ganze Jahr auf hat. In den folgenden zwanzig Minuten bekomme ich einen Crashkurs in ‚was die Bedürfnisse von elfjährigen Jungs in einer deutschen Kreisstadt sind‘.

 

Nun die Mädchen. Is ja ein alter Spruch, „Über die Mütter kommt man am schnellsten an die Töchter!“ Besonders wenn die Töchter noch soo jung sind.

„Guten Tag, kennen Sie Weihnachten im Schuhkarton?“ Ein etwas ratloser, eher abweisender Blick einer durchaus attraktiven Enddreißigerin: ‚Was will der mir verkaufen?‘ „Ich brauche eine Stilberaterin, um die Geschenke einzukaufen.“ Ich erkläre ihr, dass ihre Tochter ungefähr im Alter von 9 Jahre ist und so weiter. „Sabine, komm mal!“ Sekunden später flitzt hüpfend ein quirliger Kugelblitz um die Ecke. „Am besten erzählen Sie ihr alles selbst.“ Segnet Mutter die Aktion. Ernsthafte Augen und voll konzentriertes Zuhören. Ich gebe ihr den Flyer zum lesen. „Mia …, Hatice …!“ Mit diesem glockenhellen Ruf verschwindet sie hüpfend um die Ecke, um keine Minuten später mit zwei weiteren Mädchen aufzutauchen, zwei Mütter im Schlepptau.

 

Ich gehe in die Hocke, auf Sichthöhe der Mädchen. Etwas aufgeregt trippeln die Mütter um uns herum, versuchen zu erhaschen, was ich mit den Mädels bespreche. „Einen Schuhkarton von Erwachsenenschuhen füllen … mit vielen Dingen wovon ein 5-9 jähriges Mädchen träumt.“ Ist meine Ansage. „Von allem etwas. Zum Beispiel einen Solar-Taschenrechner, denn Batterien können sich die Kinder nicht leisten – zu teuer!“ Mit Blick zu den Müttern und mit verschwörerischen Mine… „Und wenn wir fertig sind, gibt es für jede ein Eis bei Cortina“ … die Mütter anlachend füge ich hinzu: „Und für die Mütter Kaffee – Kuchen!“

 

Mit dem Flyer und dem Einkaufskorb ziehen Sabine und Hatice los, kommen nochmals zurück. „Wie teuer dürfen wir sein?“ – „Für ca. 25 Euro!“ Mia rennt auf die andere Seite der Fußgängerzone in ein Schuhgeschäft, um einen Schuhkarton zu organisieren. Wenn drei neun-jährige Mädchen was wollen … sie können es. Selbstverständlich packt jede der drei Sachen für einen Schuhkarton – nach ihrem Gusto, und sie wissen genau, für wie viel Euronen sie Sachen im Korb haben.

 

Es wird mich ein Vermögen kosten, aber den kleinen Rackern das ausreden, abschlagen … die bekommen ja ‚einen Knacks fürs Leben‘. Sabine läuft als nächste um einen zweiten Karton zu holen. Hatices Mutter bleibt als Anstandswauwau und die beiden anderen Mütter gehen schnell ihre Besorgungen machen. „Ich muss nachher gleich weg … Hatices Bruder von der Kita abholen. Schade!“ Schnell fügt sie hinzu: „ Hatice darf aber bleiben - Andrea, Sabines Mutter bringt sie nachher nach Hause!“ Sie ist so lebhaft wie ihre Tochter. „Ich heiße Ayla, und wie ist dein Name?“ „Robert, Robert Weiß und ich wohne am Festhallenplatz.“ Im selben Moment zieht mich Hatice an der Hand: „Komm gucken, dürfen wir das auch rein tun – kostet viel Geld!“

 

Also erzählen-erläutern mir die drei Hibbeln … diese Anziehpuppe mit nur einem Ersatzkleid kostet fünfeinhalb Euro, die andere Puppe aber, sogar etwas größer, mit drei Umziehkleidchen und einem zweiten Paar Schuhen, einem Kamm und Spiegel und Handtäschchen nur acht Euro zwanzig. Dann seien sie aber über 25 Euro, leider schon bei 28 Euro, aber jede würde mir einen Euro von ihrem Taschengeld beisteuern, wenn ich „Ja“ sage. Da ich wieder in der Hocke bin, schauen mir drei süße, ganz und gar weibliche, jeden Eisberg-zum-Schmelzen-bringende Augenpaare unverwandt in meine Augen. Ich kann nur nicken, sprechen geht nicht mehr und nasse Augen habe ich auch.

 

Natürlich sehen die drei das und umarmen mich, jauchzen, schnappen sich die Kartons und Korb und ziehen Richtung Kasse. Schnell schnappe ich mir noch drei der ‚Acht-Euro-zwanzig-Puppen‘, schiebe Ayla die Puppen und das Geld in die Hand. „Vom Nikolaus, am 6. Dezember.“ Dann eile ich hinter den dreien her, um das Chaos an der Kasse zu koordinieren.

 

Die beiden anderen Mütter warten schon beim Cortina und haben einen Tisch frei gehalten. Was bei den beiden Jungs innerhalb einer Dreiviertelstunde erledigt war, dauert bei den drei Mädchen jetzt schon doppelt so lang - und Eis essen kommt noch. Die Jungs checkten kurz den Kreditrahmen und wussten direkt welches Eis. Der Kreditrahmen für die Mädchen war, wie Kaffee-Kuchen bei den Muttis. Schnell war klar, dass jede ein anders Eis nimmt, um reihum probieren zu können. Der Bedienung gelang das Kunststück die Bestellung der Mädchen zu optimieren und im Vorbeigehen raune ich ihr zu: „Noch ein paar Schirmchen und Wedeln und….“ - „Ich weiß, habe auch eine Tochter!“ Nun weiß ich auch warum Cortina so beliebt ist. Auch die Jungs: „Hey guck, eine halbe Kugel mehr als sonst!“ Auf so Flitterzeug legen die keinen Wert, aber eine halbe Kugel mehr, das ist was!

 

Mias Mutter, Elisa ist eine stille, fast hagere, blonde Frau mit länglichem, traurigen Gesicht, spricht kaum und wenn mit slawischem Akzent. Andrea, Sabines Mutter ist eine niederrheinische Frohnatur mit sicher 20 Pfund plus, selbstbewusst, offen und neugierig. „Also, das Abenteuer heute würde mich ja eine Menge Geld kosten … und einfach so!“ Die Mädchen haben für 85 Euro eingekauft. Dann nochmals die drei Puppen für Nikolaus, jetzt das Eis und Kaffee und Kuchen. Man sieht, wie das Zählwerk in ihrem Gehirn rattert. „Dieses Geld dreimal – davon leben Mia und ich fast ein Monat lang.“ Elisas Stimme ist ruhig, als sie feststellt: „Für Mia und für mich ist heute ein Feiertag.“ Andreas Beitrag ist so was von trocken: „Ich habe 200 Euro mehr zur Verfügung, aber auch noch ein Kind und einen Mann mehr.

 

Die Mädchen sind außer Rand und Band. Das Eis ist schon lange ‚alle‘. Ich geh an die Theke um zu bezahlen. Im Aufstehen bitte ich: „Hatice, bringst du das deiner Mama mit?“, und auf ihren fragenden Blick „den Kuchen, den sie nicht mitessen konnte!“ Beim Verlassen des Lokals umschlingen zwei kleine Hände meine rechte Hand, und der magere Körper von Mia schmiegt sich an meinen Arm. Ein schüchternes, zaghaftes Lächeln als ich nach unten gucke, und das Gesicht ihrer Mutter wird um eine Nuance trauriger. Das Verabschieden vor der Eisdiele zog sich etwas. Mia weicht nicht von meiner Seite.

 

Wie aus dem Nichts: „Guten Abend zusammen!“ steht die Dame mit der neuen Windjacke vor uns. „Sind das ihre Enkelinnen?“ Die beiden Mütter schmunzeln auf einmal … schauen prüfend zu mir. „Nein! Das sind meine Stilberaterinnen! Sie haben mich beim Füllen des Schuhkartons beraten!“ Hatice, die kleine Vorlaute: „Wir durften drei Kartons füllen… jede einen!“ und Sabine die Pragmatische, „Musst du auch noch Kartons füllen?“ Ihre Augen sprühen von Energie und Unternehmungslust. „Wir können dir helfen!“ Schau an … Wer Böses denkt!

 

„Und dann ist er mit uns Eis-Essen gegangen!“, rundet Mia das Angebot ab.

 

Das Auftauchen der Dame beschleunigt den Abschied. „Und? Kartons schon gepackt?“, meine etwas neugierige Frage. Sie wird verlegen. „Nicht Mal beklebt. Das habe ich noch nie gemacht, so einen Karton beklebt“ und mit einem lauernden Blick:

„… Können Sie so was?“ - „Ich muss jetzt sowieso nochmals zwei Kartons bekleben, als zwei Kartons zusätzlich. Das ist kein Problem.“ Ihr Blick wechselt zu pfiffig,

„Ich würde Ihnen zwei der Kartons abkaufen!“ Mein Blick wechselt von hilfsbereit zu amüsiert. „Verkaufe ich aber nicht … ich kann sie aber als Stilberater beim Kauf unterstützen!“ Ihre Augen beginnen zu glitzern und ein feines Strahlen verzaubert ihr Gesicht. „Mit Cortina?“ - „Mit Cortina…!“, quittiere ich.

 

„Das Kleben der Kartons sollten wir noch heute Abend machen. Wenn Sie ihre beiden vorbei bringen mache ich sie in einem Zug.“ - „Dann mache ich ein paar Häppchen zum Abendbrot – Sie haben doch eine Küche?“ - „Auch einen passenden Wein dazu!“ Der Dialog beginnt interessant zu werden. „Davon bin ich zu tiefst überzeugt.“ Sie findet ebenfalls Spaß an diesem Abtasten. „Und es gibt auch Taxis… für nachher!“ signalisiert sie ihre Trinkbereitschaft. „Oder wir legen eine Alkoholverdunstungsstunde ein, und ich begleite Sie nach Hause!“ - „Eine faszinierende Idee, welchen Mond haben wir heute!“ kontert sie gekonnt. „Man kann ein ‚a‘ schreiben!“ Kurzes Überlegen ihrerseits. „Stimmt, abnehmend!“ Wir gucken beide synchron auf unsere Uhren.

 

„18 Uhr, bei mir!“ und ich nenne ihr meine Adresse, beschreibe ihr mein Haus – „Auf der Ecke, wo die große Blutbuche steht.“ - „Bei wem muss ich klingeln?“ Und wieder dieses amüsante Schmunzeln. „Gibt nur eine Klingel, Robert Weiß, steht drauf!“ Jeder hat es auf einmal eilig. Ich besonders … muss ich doch meine Hütte nicht nur auf Vordermann, sondern auf Vorderfrau bringen, denn Frauen haben eigene Vorstellungen was aufgeräumt bedeutet. Wir waren schon fünf Schritte gegangen. „Hallo, Herr Weiß…“ ihre Stimme schallt deutlich. Wir gehen uns entgegen. „Nicht dass Sie jetzt einen Putzanfall bekommen. Ein Alleinstehender hat, wie auch eine Alleinstende andere Prioritäten!“ Dankbar lege ich ihr meine Hand auf die Schulter. Die hat das Herz, wo es hin gehört! Sie hält mich am Unterarm fest, „Silvia Esser, hatte mich noch nicht vorgestellt!“ Eine halbe Drehung und weg ist sie.

 

Diese Stunde besteht effektiv nur aus 20 Minuten, reicht aber um die Spülmaschine zu füllen und in Gang zu setzen, die Zeitungen aufzuräumen, durchgängig zu lüften, die leeren Flaschen in den Keller zu bringen und in meiner Werkstatt ‚schon mal anfangen‘ Kleister aufzurühren und Papier zu schneiden, als es klingelt. „Also, grundsätzlich helfe ich nur guten Bekannten und Freunden“, erläutere ich ihr, „und dazu gehört das DU!“, (r)hasple ich weiter. Ich öffne den Werkzeugschrank und ziehe aus dem Geheimwinkel eine Flasche Doppelkorn und zwei Stamperl. Silvia entledigt sich ihres Trenchcoats, und aus dem mitgebrachten Korb zieht sie neben den beiden Karton eine Gärtnerschürze heraus. Der Korn rinnt wie Öl die Kehle runter – zweimal verlegenes Grinsen – keine Anstalten für Bützchen und Herzen … Flasche und Stamperl aus dem Aktionsbereich wegsetzen und an die Arbeit. Eine Stunde später sind wir fertig mit Kleben, haben zusätzlich zwei Stamperl intus und einen prächtigen Hunger auf die kleinen Schweinereien die Silvia am Stand vom Griechen gekauft hat: Scampi in Knoblauchsauce, Pulpa-Pulpa scharf, Tzaziki, Dolmades und vieles mehr, inklusive einem Fladenbrot. …und einem Chianti aus meinem Keller. Während Silvia unsere Teller garniert, dekantiere ich den Chianti und wir müssen probieren, ob er auch zum Essen passt. Dabei stellen wir fest, dass die halbe Flasche beim Goutieren irgendwie verdunstet ist, einfach weg.

 

Das Essen zieht sich. Silvia hat keine Eile nach Hause zu kommen, und ich habe noch weniger Eile sie nach Hause zu schicken. Sie erzählt aus ihrem, ich aus meinem Leben. Wir beide finden uns bei den schönen, wie heftigen Zeiten wieder, können des anderen Freud, wie Leid nachempfinden. Schon beim Kleben der Schuhkartons hat mich ihre Art die Dinge anzupacken, real mit den Händen, wie auch mental im Umgang mit einer Situation, erstaunt. Nein, eine Zimperliese ist sie nicht und ein verzogenes Gör auch nicht. Kokettieren kann sie und beim Flirten schlagen frivole Komponenten durch… dann man-tau.

 

Wir sitzen seit vier Stunden über Eck am Esstisch und zögern doch den nächsten Schritt zu gehen. Ich habe sie ohne Hintergedanken eingeladen die Kartons zu kleben und habe ehrlich gesagt Angst, richtig Schiss etwas mit ihr anzufangen. Vor drei Monaten ging so ein ‚Tete-a-Tete‘ fürchterlich in die Hose, besser gesagt – es tat sich nichts in meiner Hose. Diese Erfahrung lässt mich blocken. Silvia merkt sehr wohl, dass bei mir etwas nicht ist, wie es sein sollte. Als wieder ein Vorstoß von ihr ins Leere läuft, kippt ihre Stimmung. „Kannst du mir ein Taxi rufen?“, und als ich nicht sofort reagiere „Oder machen wir den Alkoholverdunstungsmarsch?“ Ein neuer Versuch mich zu locken.

 

Sie steht mitten im Zimmer, irgendwie verletzt, gekränkt, sich dumm vorkommend. Für mich als Mann ist es nicht so der Hit, einer Frau die mich haben möchte zu erklären ‚es geht nicht‘, weil die physikalischen Bedingungen fehlen. Innerhalb von Sekunden ist der schöne Abend futsch… zu Ende. So war es vor drei Monaten. Wut steigt hoch, Wut auf mich! Ihr Hoffnungen gemacht zu haben, die ich nicht erfüllen kann … Sie sieht meine Wandlung. Ich aber, in meiner Ich-Bezogenheit habe nur noch den Selbstmitleids-Tunnelblick, stiere vor mir auf den Boden. Getraue mich nicht, ihr in die Augen zu schauen. Jetzt ist mir zum Heulen und ich würde vermutlich auch heulen, wenn ich sie jetzt ansähe.

 

Ich will gerade aufstehen, als sich ihre Knie zwischen meine drängen, zwei Hände meinen Kopf fassen und ihn an ihre Brust ziehen… mich fest halten und hin und her wiegen. Instinktiv umfasse ich ihre Taille, lege meine Hände auf ihren Rücken.  

Auch sie schnieft. „Tut es noch weh?“ Ihre, für mich unerwartete Reaktion löst bei mir die Zunge. Ich erzähle ihr, dass sie mich in Flammen versetzt hat, ich gerne möchte… und nicht kann… ED!

 

Zweite Verblüffung. „Wenn es nur das ist!“ Sanft löst sie sich von mir, fasst mich an den Händen, zieht mich aus dem Stuhl hoch: „Die Nacht ist mild, bring mich nach Hause.“ Der Weg zu ihr… wir brauchen fast zwei Stunden, der Weg zurück – eine halbe Stunde! Das gegenseitige Beichten braucht eben seine Zeit. ED ist für sie nichts Neues, ihr verstorbener Mann kämpfte viele Jahre damit. „Im Gegenzug hat er auch meine Phasen der Gefühlskälte in den Wechseljahren weggesteckt.“

 

An ihrer Haustür steckt sie mir ihren Wagenschlüssel in die Tasche: „Komm um neun Uhr zum Frühstück … bring bitte frische Brötchen mit!“ Ihre Lippen an meinem Ohr flüstern: „Silvia mag gerne Sesambrötchen.“ Abrupt dreht sie sich um, ich sehe ihre Silhouette im schwachen Laternenlicht und höre, wie die Tür ins Schloss fällt. Es ist weit nach Mitternacht, als ich mit der Gewissheit ins Bett krieche, in ihr mehr als nur eine Kameradin gefunden zu haben.

 

Um zehn Uhr beginnen wir mit Einkaufen. Mit den Jungs gestern brauchte ich fünfzehn Minuten, mit den Mädels etwas mehr als eine halbe Stunde. Alles im gleichen Kaufhaus. Ich habe mit dem Handy von jedem Teil eine Aufnahme gemacht um schnell fertig zu sein. Mit Silvia tigere ich jetzt durch das dritte Kaufhaus, um jetzt kurz vor Mittag, wieder beim ersten den Rest einzukaufen. „Robert, das musst du einfach verstehen. Wir Frauen sind viel sparsamer als ihr Männer und wir Frauen orientieren uns vorher!“ Irgendwie kommen mir diese Leitsätze bekannt vor. Ich fühle mich auf bekanntem Terrain.

 

Ein Rieseneis bei Cortina Mitte November stellt Silvia vor keine Probleme, übrigens mich auch nicht. Das Packen der sechs Kartons eskaliert zu einem sinnlichen-provokativen Gerangel mit dem Ziel den anderen zu Übergriffen zu verleiten.

Um vier Uhr mache ich einen Pott Tee mit Plätzchen.

Um viertel nach vier befiehlt mir Silvia die Augen zu schließen, den Mund auf zu machen und brav alles mit einem Schluck Tee runter zu spülen.

Um fünf Uhr liefern wir die Kartons bei Gertrud ab.

Um sechs Uhr stehen wir mit einem Aperitif bei mir in der Küche und schnibbeln Gemüse.

Um sieben Uhr beginnen wir mit dem Essen. Wokgemüse mit geschnetzeltem Putenfleisch und dazu einem trockenen, gut gekühlten Weißwein.

 

Um acht Uhr hole ich das Dessert – Mousse au chocolat  aus dem Kühlschrank – Silvia will mich partout füttern. Mousse au chocolat mit dem Löffel essen finde ich langweilig. Silvia ist ebenfalls dieser Meinung.

Um viertel nach acht finden wir die Lösung. Mousse au chocolat lécher de peau vivante. Zu Deutsch… Mousse au chocolat von lebender Haut lecken.

Wer beginnt?

„Zahl“ Silvia streckt die Hand aus, „Haste ne Euro?“

„Kopf okay. Wer gewinnt darf was?“

Silvias Augen glitzern, ihr Gesicht voller Jagdfieber.

„Bestimmen was der andere zu machen hat!“

„Wer wirft!“

„Ich! Ich hatte die Idee!“ und der Euro torkelt durch die Luft… liegt flach auf dem Tisch – Zahl!

Sie hüpft, freut sich wie ein Kind… herrlich diese Stimmung, die sie verbreitet.

„Hol eine Decke, eine dicke und ein Kissen!“ Ich trabe los. Sie weiß ganz genau wo ich sie ausbreiten muss.

„Lege dich hin, auf den Rücken und … du bleibst liegen.“

Sie steht neben mir. Ich sehe nur ihre langen Beine unter dem Rock verschwinden. Leises raschelt es, als der Rock fällt und sie heraus steigt. Die schwarze blickdichte Strumpfhose modelliert sehr, sehr sinnlich ihre weibliche Figur.

„Der stört“ ihr kurzer Kommentar. „Und du bleibst ruhig liegen und die Finger bleiben zu Hause. Ich schlecke jetzt das ersten Viertel von der Mousse, dann bist du an der Reihe!“

 

Knopf für Knopf öffnet sie mein Hemd. Löst den Gürtel. Kämpft kurz mit dem Hosenknopf – dem Reißverschluss und zieht mir die Hose samt Slip aus, in einem Rutsch. „Hoch!“ und das Hemd ist auch weg. Ich sitze nackt vor ihr auf dem Boden. Mit „Ziehe mir den Pullover aus“ schwingt sie sich über meine Beine und streckt die Arme über den Kopf. „Hemdchen und BH auch!“ Ich will sie anfassen, ihre Brüste streicheln.

 

„Hinlegen!... Hände weg.“ Sie nimmt meine Hände und legt sie über meinen Kopf. Ich fühle ihre Brüste über meine Brust streicheln. Ihr Mund wispert ganz nahe an meinem Ohr: „Vorhin hast du eine Viagra geschluckt! Lass mich machen.“ Und sie legt mir ihren Pullover über die Augen. Das nächste was ich fühle ist die kalte Mousse auf meinem Bauch am Sporn, an den Hoden, den warmen Mund, die Zunge… überall nur kurz und immer wieder - und ich werde spitz und geil. Alles an mir will aufspringen und Silvia einfach bespringen, und ich weiß… es geht nicht.

 

Nächste Ladung Mousse, nächste süße Quälerei. Eine kleine Unterbrechung – leises Rascheln Silvias Mund knabbert an meinen Hoden und mit den Fingerkuppen  schraubt sie an der Eichel. „Bleib still liegen“ flüstert es im Raum, „still liegen, still liegen.“ Als mein Sporn erneut in ihrem Schleckmaul verschwindet, habe ich das Gefühl, als ob er gleich platzen würde und weiß, er ist schlapp!

Sie setzt sich auf meinen Schoß – ich fühle ihre Schenkel an meinen Seiten.

Dann ein Schrei.

„Stoß, bock, rammle!“

Sie reißt mir den Pullover von Gesicht. Ich sehe ihr mit Mousse au Chocolat verschmiertes Gesicht, ihre Augen voller Funken, ihr Siegerlachen, höre ihre Stimme „Fick, fick was das Zeug hält, komm bock mich, reite dein Rodeo des Lebens.

In mir sind alle Dämme gebrochen. Was genau ich mache weiß ich nicht.

Überall, wo ich hingreife, ist Mousse au Chocolat.

Überall, wo küssen will, schmecke ich Mousse au Chocolat.

An einer Stelle fühle ich, dass ich tief, tief und mit allen Sinnen meines Körpers in einer Frau, in Silvias Schoß bin - stecke - und dass alle meine Empfindungen und mein Lebenswille sich auf diese Stelle fokussieren.

Wir durch ein Nebel höre ich Silvias Wimmern, Keuchen und hecheln und fühle ihr heftiges Gegenbocken, das Hämmern der Fersen – ihre Fingernägeln im Rücken und den Biss in die Schulter.

Stille – Dunkel – Watte-gedämpfte Geräusche.

 

Eine Stimme wispert am meinem Ohr. Was genau sie sagt verstehe ich nicht. Nur eines weiß ich. Auf diese Stimme will ich nicht mehr verzichten.

 

Epilog

 

Das war vor sechseinhalb Wochen.

Heute ist Heilig Abend. Unsere Kinder haben alle eine eigene Familie und feiern ihr eigenes Fest. Ab Morgen haben wir beide unseren eigenen Familientango.

Es war Silvias Idee, Mia und ihre Mutter für heute Abend einzuladen.

 

 

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