Der Spiegel

oder

Einfallswinkel=Ausfallswinkel




Bernhard ist seines Selbstmitleides überdrüssig. Nicht erst seit jetzt, schon seit Wochen - Monaten. Er steht sich selber ständig auf dem Schwanz … sinnbildlich gesprochen. Mit seinem echten Schwanz steht es im Moment auch nicht zum Besten. Der macht sich so schnell klein, so schnell kann niemand drauftreten.

 

Er wohnt jetzt seit drei Monaten in dieser Straße, 48 m2 sozialer Wohnungsbau aus „Mitte der Siebziger Jahre“ – preiswert. Gut, dass die Vormieterin fast alles loswerden wollte. Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer mit einem französischen Bett … satte 150cm breit, Badezimmer mit Schrank und Spiegelschrank. Nicht so ein ordinärer Alibert. Soll sogar ein Spezialteil sein, mit dreiteiligem Spiegel, jeder für sich schwenk- und kippbar! Eine Kleinwüchsige hat hier vor hhmmm … Zeiten gewohnt.

 

Seit seiner Scheidung vor sechs Monaten und dem vorangegangenen 30monatigen „Edelrosenkrieg“, besteht er nur noch aus zynischem Frust. Sozialhilfeempfänger ist er geworden. Private Insolvenz … nur den Pflichtsatz hat man im gelassen, und da soll er noch fröhlich und beschwingt sein. - Gut, dass die Firma ihn entlassen hat. Gut, dass ihn keiner mehr einstellen will. Gut, dass … und er könnte sich schon wieder in den Hintern beißen. Verdammte Scheiße, schon wieder auf diesem abgefuckten Trip!

 

Wo doch heute, Samstag, hier in der Straße das Nachbarschaftsfest stattfindet. Wo er doch dieser gut gelaunten, gut aussehenden, geschmackvoll gekleideten und mit einem schlagfertigen Mundwerk ausgestatteten Nachbarin aus dem über-über-nächsten Block fünf Euro gespendet hat … für Kinder aus Familien, die es noch weniger üppig haben. Es fehlten 250.- Euro, damit alle Kinder mit kommen.

Heute Morgen um halb acht ging der Bus nach Duisburg, in den Zoo.

 

Jetzt, auf dem Weg zum Markt, begegnet ihm diese gut gelaunte, gutaussehende, geschmackvoll gekleidete und mit einem schlagfertigen Mundwerk ausgestattete Nachbarin. „Herr Jansen!“, flötet sie los, und Bernhard wäre am liebsten „Schnipp-Schnapp“ verschwunden. Ihre Natürlichkeit provoziert ihn. Sein Weltbild von Weiblichkeit ist zu einem chaotischen Tohuwabohu degeneriert. Da passt so ein Wesen nicht hinein.

 

„Bitte kommen Sie doch nachher, gegen vier Uhr, auch zum Anstoßen. Und wenn Sie einen Salat oder einen Kuchen mitbringen, ist ihnen niemand böse!“ Sie hält ihn am Ärmel fest - „Augenblick!“ - und zupft ihm den Hemdkragen zurecht, zieht den Jackenärmel gerade, strahlt ihn an, als wolle sie ihn zum Glühen bringen. „Rolf, mein Mann, ist mit der Große und den Zwillingen mitgefahren – und sieben andere Väter. Insgesamt 42 Kinder sind es. Nur zwei mussten zuhause bleiben – die sind krank.“

 

Bernhard bleibt stumm. Knurrt innerlich, fletscht schon fast die Zähne. Sie bleibt erneut stehen und stellt sich vor in hin. „Herr Jansen! Auch wenn Sie ein Gesicht machen wie Sieben–Tage–Regen, das glaub ich Ihnen nicht. Als Sie mir die fünf Euro gaben, für die Kinder … Ihr Gesicht … Ihre Augen hätten Sie sehen müssen! Sie sind wie mein Vater. Der versteckt sich auch hinter Knurren, Murren, Brummeln und Brabbeln!“ Ihr offenes Lachen ist entwaffnend. Bernhard muss einfach mitlächeln. Fast verschwörerisch beugt sie sich zu seinem Ohr: „Unter den freilaufenden Mädels sind Sie das aktuelle Thema!“ Mit einem schon fast vertrauten Klaps auf seinen Arm: „Jetzt gehe ich mir ein paar nette Sachen kaufen – so ohne Kinder – und ohne Mann!“ Ein kleiner Winker und weg ist sie, … um im Gesicht von Bernhard ein bisschen Sonne zu hinterlassen.

 

Das Herbstfest hat schon Tradition und die Vorbereitungen sind längst eingespielt. Kurz nach vier kommt Bernhard zum umfunktionierten Parkplatz und muss natürlich am strategisch bestplatzierten Tisch vorbei. „Herr Nachbar, warum so eilig?“ Und Bernhard blickt in acht lachende Frauengesichter mit leicht geröteten Wangen und einer noch überschaubaren Batterie an leeren Feiglingen. Alle in bestem, voll erblühten Alter plus/minus „Mitte Fünfzig“. „Der Tisch mit den „freilaufenden“ Mädels“, zuckt es kurz durch sein Gehirn. Er setzt sein charmantestes Lächeln auf, winkt kurz. „Ich habe Durst!“, und deutet auf den Pavillon mit der Zapfanlage … und muss jetzt am Kaffee–Kuchenstand vorbei.

 

„Herr Jansen!“ Die gut gelaunte, gutaussehende, geschmackvoll gekleidete und mit einem schlagfertigen Mundwerk ausgestattete Nachbarin kommt um den Tisch gelaufen. „Wie gefalle ich Ihnen?“ Sie dreht eine Pirouette. „Habe ich mir heute Vormittag gekauft!“ Bernhard muss schlucken. Das Sommerkleid schwingt bei der Pirouette und gibt für Sekundenbruchteile schlanke Beine BIS ZUM ANSATZ preis, und im Oberteil zappeln zwei prächtige „Zofen“. Lachend nimmt sie Bernhard bei der Hand und zieht ihn zum Kuchentisch.

 

„Die Gretie hat gesagt, dass der alte Brummbär aus dem ersten Haus das hingestellt habe!“ und dann zieht sie die Alufolie von einem Stapel Pflaumenkuchen. Bernhard brummelt etwas von „Nicht der Rede wert!“ und wird tatsächlich rot. Und hat plötzlich, ohne eigenes Zutun, in der einen Hand einen Becher Kaffee und in der anderen Hand ein Stück Aprikosen-Pudding-Plunderteil. „Das ist meine Spezialität!“ Von irgendwo legt sich eine schmale Hand auf seine Schulter und dirigiert ihn zu einer Bank. „Auch wenn ich ein junges Huhn bin!“, zwitschert die gut gelaunte, gutaussehende usw. Nachbarin, „Und SIE MIR das „Du“ anbieten müssten … Ich bin die Janine.“ Und von wo auch immer, steht ein Feigling und ein Kümmerling auf dem Tisch. „Prost Bernhard!“. Ein kurzes Bützchen, ihre Augen halten Bernhard gefangen und füllen sich mit Tränen. „Mein Gott, wie ähnelst du meinem Vater… das ist auch meiner Großen aufgefallen!“ Springt auf, umarmt Bernhard und verschwindet zwischen den Pavillons.

 

Plunderteilchen kauend, bemerkt er wie eine von Tisch der „freilaufenden“ Mädels Kuchen holt. „Freilaufende Mädels“ … „loslopende meisjes” richtig übersetzt sind es “streunende Mädels”. Hier im Grenzgebiet zu Limburg werden oft Redewendungen kolportiert. Die, die eben Kuchen und Kaffee ordert, wohnt ihm direkt gegenüber. Er sieht sie öfters auf dem Balkon, wenn er in der Küche werkelt. Mit halbem Ohr hört er: ”Dieser Pflaumenkuchen, den kennst du noch nicht - süperb!” Und sieht im Halbschatten, wie die Kuchenverteilerin eine Kopfbewegung in seine Richtung macht.

 

An streunenden, zweibeinigen Katzen ist sein Bedarf für die nächsten drei Wiedergeburten gedeckt. „Nur weg hier!“ signalisiert sein Selbsterhaltungstrieb, als diese aufdringliche Person, Becher und Teller ihm gegenüber auf den Tisch stellt und sich - wie selbstverständlich - hinsetzt. Mit der Gabel deutet sie auf sein Aprikosen-Pudding-Plunderteilchen. “Limburgse Vlaai! - Janines Mutter ist Limburgerin!” Bernhard nickt wortlos und sucht krampfhaft nach einer Möglichkeit auszubüchsen, ohne beleidigend zu wirken. Seine Gegenüber - ein attraktives Weib - wie sich Bernhard eingestehen muss, aber nicht als “Lustige Witwe!”

 

“Und das hier sieht nach Pflaumenwähe aus!” Sie deutet auf ihr Stück. “Den hatten wir noch nie, und Gertie meint, Sie hätten ihn gebracht.” Bernhard sieht nur ihre gütigen und lieben Augen, das entspannte Gesicht, ein fast entschuldigendes Lächeln und doch fordert ihrer Haltung eine Antwort. Bernhard nickt. „Ja, nach Basler Art.“

Sie sieht, dass Bernhard „flüchten“ will. Als ob eine Katze nach einer Maus tapst, schnellt ihre Hand vor, legt sich auf seine. „Ich gehöre nicht zu diesem Clübchen. Ich bin selber flüchtig.“ Und nach einer kleinen Pause. „Ich wohne Ihnen genau gegenüber, nur ein Meter fünfzig höher.“

 

Bernhard kommt sich wirklich vor wie eine Maus in den Fängen einer Katze … Fluchtstarre! Sie steht auf und geht in den Zapfpavillon. Bernhard hört nur zwei Mal ein leises Knack beim Öffnen der Schraubverschlüsse. Sie reicht ihm einen Kümmerling über den Tisch und streckt ihm die andere Hand mit einem Feigling entgegen. „Einfach … Stefanie Smeets, und du bist Bernhard Jansen – ich bin genau sieben Tage älter als du und jetzt mach nicht so ein Gesicht, als würde man dich Teeren und Federn.“

 

Fasziniert von der natürlichen Dynamik dieser Frau, verharrt Bernhard fast bewegungslos. Er weiß, dass sie eine verdammt Hübsche ist, dass man mit ihr auch am hellen Sonnentag über die Kö gehen könnte und dass sie am FFK Strand noch viele Gucker hätte. Er hat einfach Angst, Angst zu versagen, Angst, dass er falsch reagiert. Er will nicht in die Koje, so gern er es doch möchte. Sein Dorn, Schwanz, Penis, oder wie er auch genannt wird, macht einfach schlapp, wenn eine Frau ihre Beine öffnet. Diese Blamage will er sich sparen, es reicht auch so schon.

 

Er sieht, wie Steffis Gesicht aufhört zu strahlen, erlischt. Sie beginnt hektisch die leeren Becher und Teller wegzuräumen. Bernhard kann beim Aufstehen nur noch eine Entschuldigung brummen, als auch schon die Horde der „loslopende meisjes” auftaucht um „KaKu“ zu bunkern. Es wird eng zwischen Theke und Tisch, und er fühlt Steffis Busen an seiner Brust, als sie sich an ihm vorbeidrängt, eine Hand an seinem Bauch vorbeistreifend, um seine Hand zu fassen. "Nur weg von hier!“ Ihre Stimme ist gepresst, fast zischend. Mit einem Ruck entzieht er ihr seine Hand, packt sie an der Schulter und schiebt sie aus dem Gewusel heraus zwischen zwei Pavillonwände, da wo, vor ein paar Minuten, Janine verschwunden ist. Steffis Augen blitzen vor Vergnügen und ihr Gesicht bekommt einen lausemädchenhaften Ausdruck. „Oh, er kann es ja!“

 

Verlegen ob seiner Kühnheit und doch seinen Mut zusammen nehmend, flüstert er: „Steffi! Ich bring es nicht! Lasst mich in Ruhe! Ihr bringt mir nur Ärger und Frust!“ Bernhard ist dem Heulen nahe. „Einen schönen Abend noch!“ Da ist die wieder, Steffis Hand, als Tatze einer Katze. „Hier, mein Haus- und Wohnungsschlüssel. Gib mir deine Schlüssel!“ In ihrer anderen Hand liegen ihre Schlüssel. Sie fordert seine. Wie ferngesteuert kramt Bernhard seine Schlüssel aus der Hosentasche und legt sie in ihre Hand - nimmt ihre Schlüssel. „Ich will dir etwas zeigen, etwas, was dir vielleicht erklärt, warum ich dich aus dem Loch holen will!“

 

Die Ankunft der Kinder bringt Ablenkung, so dass das Verschwinden von Bernhard und Steffi nicht sofort bemerkt wird. „Geh in meine Wohnung, ins Wohnzimmer - auf der Fensterbank – im rechten Fenster liegt ein Fernglas!“ Steffi schluckt ein paar Mal. „Und dann nimm dein Badezimmerfenster ins Visier!“ Ehe Bernhard antworten oder fragen konnte, war sie weg. Auf dem Weg zu Steffis Wohnung beginnt es bei Bernhard langsam zu dämmern, und mit jedem Schritt wird es gewisser. Klar, beim Rasieren, wenn er seine linke Backe schabt, also den Kopf streckend nach rechts neigt, kann er auf die Straße sehen, die Autos, die Kinder auf dem Schulweg, die Mütter mit den Kinderwagen … und wenn er Zähne putzt … einen runden Rücken macht und von unten nach oben guckt, die Tauben auf den Dachrinnen sitzend. Die Übergardine ist zu schmal und lässt einen Streifen von Fenster frei … und um besser Licht zu haben … auf der Waschbeckenseite ...

 

Weiter kann Bernhard nicht denken, denn mit dem Eintreten in ihre Wohnung nimmt ihn die Atmosphäre gefangen. Diese allgegenwärtige Weiblichkeit überrollt ihn. Seit seinem Weggang von Zuhause, aus der Obhut seiner Mutter hat er das nicht mehr erlebt, hat geglaubt es nicht zu vermissen. Seine Frau konnte, wollte diese Atmosphäre nicht herstellen … sie war zu nüchtern, zu sachlich, fast männlich streng. Und jetzt, schlagartig, bemerkt er, wie sehr er sich danach sehnt. Er fühlt, wie in seinem Inneren Knoten platzen. Mächtig ist sein Drang durch die Wohnung zu pilgern … diese Düfte aufzunehmen … einfach den Stoff ihrer Kleider durch die Hände gleiten lassen … sich vorzustellen, ihn von ihrem Körper zu streifen, als das Telefon klingelt, und sie gleichzeitig in seinem Badezimmer winkt. Nicht direkt aus dem Fenster - indirekt über den Spiegel.

 

Er nimmt das Fernglas. Kurzes Einstellen der Okulare und sieht sie über den ausgestellten Flügel vom Spiegel vor dem Waschbecken stehen. Sie kippt den Spiegel um wenige Millimeter, und er sieht nur noch ihren Schoß und den Waschbeckenrand. Sie bückt sich, er sieht ihr Gesicht und wie sie ihm zuwinkt. Was dann kommt, nimmt er nur noch wie eine mechanische Kamera auf. Bartscherer… wofür? Sie streift ihr Kleid ab … zieht ihr Höschen aus … Oh Gott, den kleine Spiegel hat sie auch aufgestellt - und beginnt ihren Busch zu trimmen - stellt ein Bein auf den Hocker. Bernhard sieht ihre Muschi, Schnecke, Pflaume … eher Schnecke, sieht, wie sie zusammen zuckt. Die Haare ziepen und der Scherer bleibt hängen. „Nicht drücken, nicht so schnell – langsamer!“ hört sich Bernhard rufen. Dann zeigt sie ihm, wie sie die andere Seite angeht.

 

Und er weiß, nimmt es voll wahr: Steffi hat ihm beim Schwanzrasieren zugesehen! Sie hat ihn vor dem Rasieren, beim Steif-Wichsen beobachtet, hat dann auch mitbekommen, wenn er sich nachher noch schnell einen runter holte! Sie will ihm zeigen, was sie weiß und ihm gleichzeitig sagen - nicht sagen - konspirierend vermitteln: „Ich auch … ich mache mit!“ Der Spiegel kippt zurück, und er sieht Steffis Gesicht, ihr gespanntes Lachen. Sie hält den Bartscherer hoch und zuckt mit den Schultern. Dann folgt ein Winken, ein „Rüber-Winken“. Er sieht, wie sie das Telefon nimmt und hört, als er abhebt: „Komm, hilf mir! Das Ding ziept fürchterlich.“ Er will schon gehen, als das Telefon erneut klingelt. „Bring mir ein frisches Höschen mit! Im Schlafzimmerschrank - rechts - mittlere Lade!“

 

So schöne Bettwäsche: Seide oder Satin! Und diese Farben! Wie unter Zwang streicht er über die Bettdecke, nimmt ihr Nachthemd, dieses sündig-sinnlich wirkende Etwas. Mit einem schmerzenden Stich erinnert er sich daran, wie er seiner Frau vor Jahren so etwas geschenkt hatte: „Du glaubt doch nicht, dass ich diesen Nuttenfusel anziehe!“, war ihr Kommentar gewesen, und er hatte es nie mehr gesehen. Aber Steffis Unterwäsche! Ein Höschen schöner als das andere, ihre BHs, Leibchen – alle mit Spitzen im Ausschnitt. Ihre Blusen, der Duft aus dem Schrank … Er ist verzaubert, als das Telefon erneut rappelt. Tief atmend läuft er ins Wohnzimmer zurück. „Gefunden?“ fragt sie und ohne abzuwarten: „Rechts sind die Hipster. Nimm das eine fliederfarbene mit den Stickereien!“ Das war eine klare Ansage, und irgendwie war er froh, sich nicht entscheiden zu müssen.

 

Und die Tür zu seiner Wohnung öffnet sich … Sie steht hinter der Tür, und ihr Kopf lugt um die Ecke. Da steht sie vor ihm – nur im BH, mit einem schiefen, ängstlich-gespannten Lächeln. Bernhard marterte schon auf dem Weg hinüber sein Gehirn: „Was mache ich, wenn sie nackt ist? Wie soll ich reagieren?“ Wie eine Endlosschleife surrten die beiden Fragen durch sein Hirn. Nun steht er beinahe vor dieser Tatsache und macht das, was er schon immer gemacht hat, wenn eine nackte, sinnlich duftende Frau mit einem ängstlichen gespannten Lächeln vor ihm steht: ER ist er selber! Und er zieht sich - genauso ängstlich gespannt, lächelnd, ganz langsam aus – schlüpft aus den Schuhen, zieht den Bauch ein und das Hemd aus der Hose. Mit der linken Hand packt er den Kragen im Nacken … zieht … macht sich lang und lässt das Hemd fallen. Er öffnet den Gürtel.

 

Wichtig! Jetzt den Blickkontakt nicht verlieren, und wenn ihre Blicke abschweifen … innehalten mit den Bewegungen ... verharren … Aufmerksamkeit einfordern.

Aber das braucht Bernhard nicht. Steffi hat einen Schritt rückwärts gemacht, um besser sehen zu können. Ihre Augen beginnen zu glitzern … die Falte über der Nasenwurzel verschwindet, ihre Hände legen sich auf ihre Brüste – krallen sich fest.

Weiter geht’s. Er öffnet den Hosenknopf, schlägt die Deckleiste um und fasst den Zipper.

 

Steffis Augen saugen sich an seinen Augen fest, wechseln zwischen seinen Augen und dem Reißverschluss, so wie seine Augen diesen Reißverschluss fixieren und dann zu ihren Augen pendeln. Und sie beginnt zu begreifen, macht einen Schritt auf ihn zu und zieht wie in Zeitlupe den Zipper nach unten – und lässt wieder Raum zwischen ihnen beiden. Ihre Augen sind jetzt ein Tick dunkler, ihre Bewegungen fahriger.

Bernhards Bewegungen folgen einer eigenen Dynamik, die ihn schon seit dem Betreten von Steffis Wohnung antreibt. Er lässt die Hose einfach fallen.

 

In seinem Innern spürt er es: Sein Körper sendet die Impulse. Sein Schwanz ist steif, hart, bereit! Und doch weiß er: Dem ist nicht so! Er ist eben nicht bereit! - So ähnlich müssen Amputierte empfinden, denen ein Arm oder Bein fehlt. Am liebsten möchte er den Slip anlassen, aber Steffis Augen betteln nicht, sie fordern … und Bernhard gibt alles preis.

 

Er greift nach ihrer Hand, zieht sie zum Bett und drückt sie auf die Kante – hält sie fest, als sie hochrutschen will. Er weiß jetzt, was er will und schubst sie auf den Rücken, hebt ihre Beine … legt die Unterschenkel auf seine Schulter und mit einem kleinen Klaps auf den Po befiehlt er: „Heb an!“ Er schiebt ihr zwei Kissen unters Gesäß. Dann fällt ihm etwas ein. „Augenblick, bin gleich zurück!“ Mit wenigen Schritten ist er im Bad, um mit Handtuch und Barttrimmer zurück zu kommen. „Stell deine Füße auf meine Schultern!“, bittet er, als er vor ihrem Schoß kniet. „Lass die Knie auseinander fallen!“ Der Trimmer gleitet nun über ihren dichten Busch und hinterlässt eine Schneise, dann noch eine - einen Dreitagebart. Zum ersten Mal in seinem Leben „schert“ er eine Frau, macht sie „nackig“, und er fühlt sich wohl dabei, so als wäre es sein täglicher Broterwerb.

 

„Ein Moment bitte!“ Er geht, um im Bad die gelben Einmalrasierer, die Dose mit Schaum und eine Schüssel mit warmem Wasser zu holen … ach ja, den Schwamm nicht vergessen! Steffi räkelt sich. Offenbar fühlt sie sich gut, so, als sei sie angekommen. Sie weiß sich intuitiv in guten und zärtlichen Händen, in Händen, die sie bei dieser Fummelei langsam und stetig in die Höhe treiben. „Mein Gott, Bernhard! Sechs, nein mit dir sind es sieben Feiglinge, die ich gebraucht habe, um meinen „Feigling“ mundtot zu machen!“

 

Bernhard kann jetzt wunderbar beobachten, wie sich ihre Schamlippen mit Blut füllen, schön rund werden, wie sich die Stoppeln aufrichten und vom Rasierer gekappt werden. „Dein „Kümmerinstinkt“ brauchte nur einen Kümmerling, um in Gang zu kommen!“, flachst sie. „Nein zwei… mit Janine hab ich den ersten getrunken!“ Bernhard fühlt sich ebenfalls gelandet. Oder vielleicht doch eher gestrandet - an fernen Küsten.

 

„Die Tamara, deine Vormieterin, hat sich immer am Montag und am Freitag rasiert. Genauso wie du – mit einem Bein auf dem Hocker! Die hat eine süße Pflaume. Wirklich wie eine Pflaume! Die Irmgard, die davor hier wohnte, hat sich nur mit der Schere „beschnitten“. Nur was aus dem Höschen quoll, kam weg. So wie bei mir.“

Steffis erzählt ohne Punkt und Komma.

 

„Den Namen „Freilaufende Mädels“ hat uns Janine verpasst. In der Heimat ihrer Mutter werden ältliche Jungfern und Witwen auf Männerfang so genannt. Richtig übersetzt heißt es „Streunende Mädels“ aber das ist zu krass und Janine hat es „alltagstauglich“ verpackt.“ Steffis „Zofen“ sind noch immer im BH gefangen, und Bernhard braucht dringend eine Finger–Lockerungsübung. Beine auf den Boden stellen und den BH - er hat es vorher linsend gecheckt - vorne öffnen, ist eine fließende Bewegung. „Börni! Wir machen Dinge, die glaubt uns kein Mensch – und das am helllichten Tag!“ - „Hauptsache wir glauben es!“ Bernhard ist erstaunt, dass Börni so etwas von sich gibt. Steffis Arme legen sich um seinen Nacken, und er fühlt seine Oberschenkel im Rasierschaum versinken!

 

„Hast du „wir“ gesagt?“, wispert es an Bernhards Ohr. Dann spürt er ihre Hand an seinem Sporn und fühlt, dass er dick und hart ist. „Mach mich sauber und komm schnell!“ Steffi ist auf einmal fast hektisch „Komm, sofort! Schnell! Ja, tief! Komm!“ und alles danach ging in ein Japsen über, in ein Gurgeln, Keuchen, Brummen. Steffi wird überrollt von Lust und reißt ihn einfach mit. Bernhard fühlt seine Explosion und die Nachbeben und wie es ihn zusammenzieht, als „wolle es aus der Haut fahren“. Tief in ihr verweilend sieht er, wie Steffi genießt, nach seinen Händen fasst und sie nach oben zieht. Er liegt jetzt mit seinem ganzen Gewicht auf ihr, und sie entspannt sich langsam, wird wieder weich.

 

Das Telefon klingelt und reißt beide aus ihren Träumen. Bernhard lässt es klingeln, darin hat er Übung. Als es aber erneut klingelt, geht er ins Wohnzimmer und hebt ab. Janines gut gelaunte, sehr fröhliche Stimme ist dran: „Wenn ihr zwei heute noch was vernünftiges unternehmen wollt … ähm, ich meine, wenn ihr noch Grillzeug wollt, müsst ihr in der nächsten halbe Stunde auftauchen!“ Im Hintergrund brummeln ein paar Stimmen… „Ihr ward nicht zu überhören! - Hast du gehört? Ihr ward nicht zu überhören!“ kichert Janine.

 

Bernhard sieht, vor dem Bett stehend, auf Steffi herab. Ihr halb rasierter Schambereich, der eingetrocknete Rasierschaum, das entspannte, lächelnde Gesicht, der handteller-große, nasse Fleck im Kissen, der sinnliche Körper einer voll erblühten Frau … all das fasziniert ihn, und in seinem Ohr das Kichern von Janine: „Ihr ward nicht zu überhören!“ Er schmunzelt. Steffis Blick wird fragend, neugierig … eben weiblich. Bernhard lässt sie zappeln, rückt nur scheibchenweise mit der Wahrheit heraus. „Janine meint, man hätte uns nicht überhören können! Und ob wir heute noch für vernünftige Dinge zugänglich sind – für Grillzeug und andere leckere Sachen.“ –

 

„Bringen wir erst mal unsere „leckere Sache“ hier zu Ende!“ Er deutet mit dem Kopf auf Steffis Scham. Jetzt, wo der Druck weg ist und einfach die Sinnlichkeit, das Schöne, das Vertraute, die Hingabe steuernd eingreifen, artet das „Nackig-Machen“ fast in eine Zelebration aus. Und Steffi beginnt erneut einfach zu plappern, zu erzählen: „Du solltest erst mal hören, wenn Janine abgeht. Die hat es auch drauf, wenn ihr Ralf sie im richtigen Moment antickert. Besonders wenn Ralf von der Nachtschicht kommt … so um neun Uhr, wenn die Große in der Schule und die Kleinen in der Kita sind! Die haben bis letztes Jahr direkt nebenan gewohnt. Auch Remzi und Hatice, die jetzt hier im Parterre wohnen, waren vorher Wand an Wand zu meiner Wohnung. Die beiden können es auch gut. Er brummt wie ein Rottweiler, und sie japst und quietscht wie ein junges Schweinchen. Und dann, stell dir vor, hatten sie auch noch ein knarrendes Bett, das bei jedem Hüftschwung von Remzi an die Wand schlug. Das Vergnügen hatte ich zwei – drei Mal die Woche. Vom Feinsten!“

 

Bernhard muss sofort an den Tag seines Einzuges denken. Mitten im Karton-Schleppen stand Hatice vor ihm. „Wenn Sie mit dem Schleppen fertig sind, klingeln Sie bei uns! Sie haben doch sicher noch kein Essen in Haus. Ich bringe Ihnen etwas nach oben: Gefüllte Aubergine und Bulgur. Mögen Sie das?“ fragte sie in reinsten Niederrheinisch! Dann kam sie nach oben, blieb vor der Tür stehen, und ihr Sohn musste das Essen in die Küche bringen. Hatice, die kleine Stämmige, die Mollige mit dem schönen, ebenmäßig runden Gesicht, den fast schwarzen, krausen Haaren, die sich so schlecht mit dem nach hinten gebundenen Kopftuch bändigen lassen. Die, bei der es sich anhört, als würde sie in Prosa deklamieren, wenn sie mit ihren Kindern, ihrem Mann auf Türkisch schimpft!

 

Bernhard ist fertig mit Rasieren und Trocken-Tupfen. Dann kommt das sanft-zärtliche After-Shave-Lotion-Einmassieren und durch Probeschmusen die Stoppelfreiheit prüfen. In seinem Körper kribbelt es. Alles schreit in ihm nach mehr: „Weiter machen! Los, heiz sie an! Bring sie zum Glühen!“ Ihre Schenkel, die sich wie Ohrenschützer an seine Ohren legen, sind auch nicht sinnesberuhigend. Und dann auch noch diese Hände, die in seinen Haaren wühlen… Doch bei ihm geht gar nichts mehr, obwohl sein Körper von Wollust getränkt ist, und auch Steffis sanftes Schubsen mit dem Schoß eine Erektion animierend unterstützen sollte.

 

Irgendwann stehen sie wieder unten auf der Straße, Bernhard einen halben Schritt hinter ihr. Ihre linke Hand rudert nach hinten, sucht seine und klammert sich fest. Sie müssen erneut am Tisch der „loslopenden meisjes” vorbei. Die Batterie der leeren Feiglinge hat jetzt Kompaniestärke und die Mädels am Tisch sind mit sich selbst beschäftigt. Außer ein paar schnellen Blicken, kommt keine Reaktion. Aber im Zapf- und daneben im Grillpavillon schauen ihnen ein paar Dutzend Augen neugierig entgegen. Die meisten dazugehörigen Gesichter schmunzeln oder grinsen unverhohlen. Janine bugsiert sie beide an einen Tisch. Ralf, ihr Mann, stellt ihnen die vollen Teller hin. Steffi bekommt ungefragt ein Glas mit Rotwein und Bernhard ein schönes Bolten Alt. Man/frau überlässt nichts dem Zufall. Hatice sitzt mit noch einer Türkin und weiteren Frauen am Nachbartisch, und sie stecken wie die Teenies die Köpfe zusammen.

 

Ralf und Janine setzen sich Bernhard und Steffi gegenüber. Diese immer besser gelaunte, mit jedem Kümmerling toller aussehende, geschmackvoller gekleidete und mit jedem Feigling schlagfertigerem Mundwerk ausgestattete Nachbarin, läuft zur Hochform auf, und sie zieht Steffi im Kielwasser mit. Da müssen alte Seilschaften bestehen, denn die zwei können es besonders. Ralf, mit verständnissinnigem Mienenspiel, sucht Bernhards Augen. Ein kurzes Nicken: „Komm! Bis gegen ein Uhr sind „die“ beschäftigt! Gleich sitzen auch noch Hatice und Nurdan dabei, und wenn ihr Mann es schafft, allein nach Hause zu gehen, auch Gertie!“

 

Bernhard fühlt sich von Viertelstunde zu Viertelstunde wohler - besser, ausgeglichener, unverkrampfter. Hier spielen die alten natürlichen Kräfte der Geschlechter. Bernhard wird in den Kreis der Männer integriert. Mit den Worten „Er hat eben die Granit-Steffie geknackt, ihr die Auster geöffnet!“, wird er vorgestellt. Die Reaktionen sind unterschiedlich: „Die hast du jetzt am Hals.“ - „Die wird aus dir wieder einen ordentlichen Kerl machen!“ - „Was Besseres konnte dir nicht passieren!“ - „Was ist eigentlich an dir besonderes, dass die Beste aus dem Serail dich vereinnahmt!“ - „Hör auf, uns was zu erzählen! Jeder hat gesehen wie SIE IHN abschleppte.“ Remzi stellt sich ebenfalls zu der Gruppe: „Muss was mit einem Spiegel zu tun haben. Die Weiber tuscheln die ganze Zeit darüber!“

 

Bernhard stellt mit Erstaunen fest, dass ihn diese Sprüche fast stolz machen. Vor ein paar Stunden wäre er wütend mit „Blödes Proletenpack!“ in seine Isolation geflohen. Diese Männer drücken mit ihren derben Sprüchen doch nur eins aus: „Wir haben es registriert, und du, mach mit ihr ja kein Scheiß! Sie hat bei uns einen Sonderstatus. Es ist unsere Steffi!“ Doch dann geht die Diskussion, wer jetzt Bürgermeister werden muss und warum Concordia wieder einmal verloren hat weiter.

 

Später fühlt Bernhard wie eine Hand sich langsam um seine Hüfte schleicht, eine Schulter sich an seinen Rücken anlehnt und wie ihm eine verführerisch-sinnliche Stimme ins Ohr wispert: „Herr! Gerechtigkeit! Gleichheit! Du hattest heute Nachmittag Damenbesuch … Ich möchte heute Nacht Herrenbesuch!“

 

©S‘Rüebli